Dümmer als es Tucholsky erlaubt

Ich wollte eigentlich gar nichts zu Jan Böhmermanns „Schmähkritik“ und ihren Folgen sagen. Aber dann sah ich, dass es tatsächlich manche gibt, die bei Facebook z.B. den Artikel von Michael Hanfeld in der FAZ zustimmend teilen, und es floss mir adhoc eine Replik in die Tasten, die, fand ich, mein Missvergnügen an den Satirekritikern ganz prägnant auf den Punkt brachte:

Man kann eine Satire mal nicht verstehen. Eine Satire kann auch einfach schlecht sein. Aber: NIEMALS eine Satire ernsthaft kritisieren! (Gibt es was peinlicheres?) Vor allem nicht eine gute, eine treffende, eine dramaturgisch und pädagogisch perfekt aufgebaute und 100%-ig ins Ziel treffende Satire wie Böhmermanns Schmähkritik. Die auch noch in ihrem Nachwirkungen gut inszeniert war: Dass diese Schmähkritik dann vom ZDF herausgeschnitten wird, wurde doch schon in der Sendung selbst angekündigt.Der vermeintliche Satiriker Böhmermann kennt den Unterschied zwischen Satire und primitiver Beleidigung nicht, die auch im in Deutschland geltenden Presserecht festgeschrieben steht“ – im Gegenteil: Jan Böhmermann hat genau diesen Unterschied ganz genau erklärt und damit gezeigt, worüber sich Herr Erdogan selbst im freiheitlichen Rechtsstaat Deutschland hätte aufregen dürfen. Da er aber schon die braven, rechtlich unbedenklichen Satiriker von Extra3 gerne vor den Kadi gezerrt hätte, muss man mit diesem Verfolger von Journalisten, diesem Unterstützer von mörderischen Islamisten und diesem Antidemokraten kein großes Mitleid haben, wenn er sich eine solche Schmähkritik anhören muss: eine satirische Schmähkritik, die Erdogan zwar dem Wortsinne nach allerhand gemeines anhängt, das gar nicht auf ihn zutrifft. Letztlich aber schmäht sie ihn – und das ist die berechtigte gute Satire darin – als den, der er wirklich ist. Jeder Nicht-Satireanalphabet versteht das. Weil das aber Herr Hanfeld und viele andere nicht verstehen und wohl nie verstehen werden, muss man die Satire schützen vor all denen, die sie nicht verstehen können oder wollen. Mit der Faustregel: „Was darf Satire? Alles!“ Punkt aus, so ist es; wer das nicht versteht, muss eben vor der Komplexität, Raffinesse und geistig anspruchsvollen literarischen Form mit ihren mehreren Ebenen, die man bei ihrem Genuss mitdenken können muss, und zwar alle auf einmal, demütig zurücktreten und schweigen. Das ist keine Schande. Aber: Auf keinen Fall die Satire kritisieren! Mit unbeholfenen, von keinem Humor geschliffenen Stil-Werkzeugen, plumpen oberflächlich moralischen Affekten und dem Anbiedern an Gleichgesinnte, die ebenfalls keinerlei Bereitschaft zeigen, sich auf das schöne geistige Abenteuer des uneigentlichen Sprechens und Schreibens und Verstehens einzulassen. Also: Keine Kritik von Unberufenen an der Satire, und wenn: Dann nur auch mit Satire – aber mit hoffentlich mindestens genauso guter wie die kritisierte, sonst wird es auch wieder unglaublich peinlich.

11.04.2016: Vielleicht erklärt es Susanne Spröer (DW) noch einmal besser: „Der Böhmermann-Sketch drehte das nun raffiniert und hintergründig weiter: Mit einem so absurd überzogenen „Schmähgedicht“, dass selbst die härtesten Kritiker Erdogans nichts daran für bare Münze nehmen dürften. Trotz der zweifellos beleidigenden Formulierungen zielt es aber gerade nicht auf eine Beleidigung in verleumderischer Absicht ab, wie es der Straftatbestand der Schmähkritik erfordert. Sondern es kritisiert satirisch den diktatorischen Umgang des türkischen Staatspräsidenten mit der Presse- und Meinungsfreiheit sowie den Versuch, diese auch in Deutschland zu torpedieren – wie im Fall „extra 3“

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