Eine politische Dimension schwappt im Subtext herum

Das Schmähgedicht von Jan Böhmermann, das die Gemüter seit zwei Wochen bewegt, hat etwas von einem Katalysator: Es sorgt in vielem für Klarheit; die Beiträge, die dazu immer noch entstehen, sagen oftmals sehr viel über das Denken derer aus, die sie schreiben. Über ihre Fähigkeit, ein uneindeutig eindeutiges Phänomen wie eine Satire zu erfassen, zu verstehen und es zu bewerten.

Man sollte eigentlich meinen, dass jeder, der sich ins schreibende Metier begeben hat, irgendwann mal in den zwei Bänden Tucholsky-Auswahl, die flächendeckend in den Eltern- oder Großelternwohnzimmern der Republik zu finden sind, geschmökert hat. Was „Satire“ ist und was nicht, und was sie darf und was nicht, sollte dann eigentlich nicht mehr so geschmäcklerisch nicht zu Ende gedacht und zu Papier gebracht werden:

Man kann Erdogan mit guten Gründen kritisieren, auch mit den Mitteln der Satire. Aber indem man ihn als Sodomisten bezeichnet, sagt man ausschließlich etwas über sich selbst. Man will der sein, der sich traut, so was zu sagen. Man ist der Gute, der den Bösen beschimpft. Das ist Pubertät, nicht Humor und erst recht nicht Politik“.

„Man“ (=Böhmermann) bezeichnet Erdogan als Sodomisten, weil er, wie ein pubertierender Junge „Pipikaka“ sagen will und sich dann darüber beömmelt? Und deshalb weiss man jetzt mehr über diesen unreifen Spaßmacher und seine billige Schmuddeligkeit? Eine, mit Verlaub,  recht einfach gestrickte Analyse und die billigste Falle, in die man tappen kann, wenn man am Verstehen einer leicht zu verstehenden Satire scheitert. Die Falle, die Kurt Tucholsky (als Ignaz Wrobel) schon vor 97 Jahren so beschrieb:

„Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: »Seht!« – In Deutschland nennt man dergleichen »Kraßheit». Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen.“ (Was darf Satire?“ 27.1.1919)

Böhmermann hat Erdogan so drastisch geschmäht, um zu zeigen, was eine wirkliche Schmähung ist. Erdogan fühlte sich ja schon wegen der Extra3-Satire höchst beleidigt und geschmäht. Böhmermann hob  den Vorhang hoch und sagte: „Seht: DAS ist eine Schmähung, die wo wirklich eine Schmähung ist!“ Und jetzt ist uns das allen klar.  Ein frommer Bibelspruch hätte uns nur mit den Schultern zucken lassen, und wir hätten die Dreistigkeit des Herrn Erdogan gar nicht erfasst, die darin liegt, als Diktator, dem begründet viel schlimmes vorgeworfen werden kann, gegen brave deutsche Satiresendungen wie „Extra 3“, die seine Taten zu Recht anprangern, zu wüten.

Nein, man/frau kann doch nicht im Ernst meinen, es sei ein dringendes Bedürfnis von Jan Böhmermann gewesen, Herrn Erdogan des Sexes mit Tieren zu zeihen. Und deswegen diesen heilvollen nationalen und internationalen Eklat hervorzurufen, der unsere öffentliche Auseinandersetzung fruchtbar angeregt hat. Nein, das ist eine groteske und zutiefst unfaire Schmähung des Satirikers B., denn:

„Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an“. (Was darf Satire?“ 27.1.1919)

Die andere FAS-Kollegin hat die dem Zuschauer auf dem Silbertablett präsentierte Absicht Jan Böhmermanns unverständlicherweise in den Bereich des Ungeklärten, nicht Fassbaren gedrängt, aber sie hat immerhin erspürt, dass die Schmährede im Neo-Magazin Royale die deutsch-türkischen Beziehungen belasten könnte,

Wodurch Böhmermanns Pressefreiheits-Show eine zusätzliche, sehr politische Dimension bekommt, die irgendwo im Subtext des Gedichts herumschwappt. Ob das Böhmermanns Absicht war, kann keiner sagen, sicher ist nur: Der Stunt hat funktioniert, genial gedacht und umgesetzt. Clever, reaktionsschnell, super gelaufen, vor allem für: Jan Böhmermann, dem man wohl all die eben genannten Eigenschaften zuschreiben kann„.

Man weiss ja nicht, was er eigentlich wollte. Da schwappt irgendwas rum, im Subtext, sogar irgendwas irgendwie mit Politik.  Aber der fühlt sich jetzt ganz toll, dieser Böhmermann. Der will ja der Gute sein und es den Bösen zeigen.  Böhmermann „ist in den Schlagzeilen. Hat ja dann doch noch alles geklappt. Herzlichen Glückwunsch!“ Der will gelobt werden, und Beifall haben.  Aber wir haben ihn durchschaut: Böhmermann ist „doof“!

Denn er schrieb bei Facebook: „Ich denke, wir haben heute am 1. April 2016 gemeinsam mit dem ZDF eindrucksvoll gezeigt, wo die Grenzen der Satire bei uns in Deutschland sind. Endlich!“

Damit hat er ja, obwohl er doof sein soll, einfach Recht. Der Satiriker braucht offensichtlich auch heute, im Deutschland des Jahres 2016, Ermunterung,  so wie schon 1919:

„Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird“. (Was darf Satire?“ 27.1.1919)

Obwohl: Nichtbeachtung ist nicht das, was Jan Böhmermann 2016 zuteil wird – im Gegenteil. Und zwar nicht nur hierzulande, sondern sogar bis hin ins Morgenland.

 

P.S. Vielleicht ist alles doch viel komplizierter und subtextiger und die Satire hat noch mehr Metaebenen, als ich sowieso schon glaubte – schwindelerregend:

Yücel_ZF

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