„Zweimal standen wir vor dem Krematorium“

Vor 70 Jahren, am 27. Januar 1945, ist das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit worden. Im polnischen Auschwitz-Birkenau ermordeten die Nazis nach unterschiedlichen Schätzungen 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen, der Großteil der Opfer waren Juden. Aber auch zehntausende Sinti und Roma wurden getötet – 20.000 von ihnen in Auschwitz. Am 16. Dezember 1942 hatte Heinrich Himmler die Verschleppung der Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz angeordnet. Unter ihnen waren auch viele Sinti aus Hessen. Von einer großen Familie, die aus Fulda nach Auschwitz kam, überlebten nur vier Mitglieder. Eine der Überlebenden war Dorothea Niederhöfer, die später Heinle hiess. Mit ihr habe ich mich im Januar 2005 unterhalten; 60 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers.

 

Am 15. März 1943 umstellen Polizei und SS das Viertel in Fulda, in dem Dorothea Niederhöfer und viele ihrer Verwandten lebten. Sie und ihre Schwestern wollten gerade zur Arbeit bei der Firma Weißensee aufbrechen, wo sie Ersatzteile für Gasmasken herstellten. Die Fuldaer Sinti wurden, zusammen mit Sinti und Roma aus Frankfurt, mit dem Zug nach Auschwitz gebracht.

Allen wurde die KZ-Nummer eintätowiert – bis heute ist sie deutlich am Arm von Dorothea Heinle zu sehen. Sie kamen in Baracken – ehemalige Pferdeställe, dreistöckige Holzbetten, ohne Wasser, ohne Toiletten.

Die Gefangenen mußten das Lager erst einmal aufbauen.

„Und dann fing das an, dass die Kinder erstmal starben. Hunger. Verhungert. Die waren bloß noch Skelette. Die wurden dann einfach rausgeholt und vor die Baracke hingeschmissen, und da blieben sie erstmal liegen, bis da so ein Berg erstmal zusammenwar“.

Zu essen gab es im KZ Auschwitz-Birkenau fast nichts:

„Und was in dem Fraß da drinne rumschwamm: Da haben wir sogar Menschenaugen drin gefunden, und all der Dreck, was da … ja…. wir haben es gegessen“.

Ihrer älteren schwangere Schwester schnitten sie bei vollem Bewußtsein den Bauch auf, holten ihr Baby aus dem Körper und machten damit Experimente. Die Schwester überlebte Auschwitz, konnte nie mehr Kinder kriegen und starb vor etwa drei Jahren (Stand 2005, mittlerweile: vor etwa dreizehn Jahren) in Fulda. Dass sie überhaupt überlebt haben, haben sie immer als Wunder empfunden:

“Und dann in der Zwischenzeit haben se uns auch zweimal aus dem Lager rausgeholt. Da mussten wir unsere Toten und alle mitnehmen, und da kamen wir  vors Krematorium, und da haben wir vorm Krematorium gestanden, dass wir auch da reinsollten.  Da kam aber der Befehl von Berlin, die sollen uns wieder zurück…. also: wir kommen nicht  darein. Also zweimal haben wir kurz darvor gestanden. Und da war ich 21 Jahre alt”.

Nach etwa einem Jahr wurden die Schwestern in andere Lager gebracht, um dort Panzerfäuste und Eisenbahnflakgeschütze zu bauen.

Gegen Kriegsende konnten sie schließlich zu neun jungen Frauen flüchten und trafen auf die vorrückenden Amerikaner.

„Da haben wir  welche getroffen von Auschwitz, wie wir dann endlich raus sind, und da hat’s geheissen: Den Rest, wo sie in Auschwitz drinnehatten, da ist die SS  hingegangen und hat sie alle totgeschlagen. Totgeschlagen! Und da war meine Mutter dabei, meine kleine Nichte“.

Nach dem Krieg kamen die Überlebenden wieder nach Fulda. Dorothea Niederhöfer heiratete, bekam fünf Kinder – und bis heute lebt sie mit ihrem Mann in einem kleinen Haus im Fuldaer Westen (Stand: 2005). 3000 Mark Entschädigung bekam sie – ihr Mann verdiente als Arbeiter nicht viel und heute leben beide von ihren winzigen Renten – und die Kasse zahlt der 100%- Schwerbehinderten kein Taxi zum Arzt – und sie muss mehr und mehr für ihre vielen Medikamente dazuzahlen. Damit Kinder heute noch von Überlebenden erfahren, wie es wirklich war in Auchwitz, war sie ein paarmal in Schulen und hat von ihrem Schicksal berichtet.

„Also, ehrlich: wenn sowas nochmal vorkäme: Ich würde mich und meine Familie vorher umbringen. Keiner…. dieses Mitmachen…Was man da erlebt hat: Das vergisst man nicht! Ich bin die einzige noch“

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