Norbert Blüm: Die neoliberale Epidemie

Norbert Blüm ist im Alter von 84 Jahren mitten in der Corona-Krise gestorben. Mehrfach hatte er den Neoliberalismus als „Epidemie“ bezeichnet. Zum Beispiel hier: 

Am schmerzlichsten berührt mich, dass meine gute, alte CDU sich von dieser flatterhaften, neoliberalen Epidemie infizieren ließ„.

2005 sagte er mir dazu:

„Dem neoliberalen Rausch gebe ich höchstens noch zwei, drei Jahre. Das werden sich nämlich die Menschen in der Welt nicht gefallen lassen! Wissen Sie: Wenn Globalisierung ein Wettbewerb ist: ‚Wer produziert am billigsten, der gewinnt‘, wenn das die Zukunft ist: Ja, da müssen wir ja die Kinderarbeit wieder einführen!“

Schwere Kost für manch einen in CDU und CSU, der jetzt in Nachrufen überschwenglich das große soziale Herz Norbert Blüms lobt. Während sich die Union lange gesträubt hatte, die sogenannte Grundrente mitzutragen und jetzt, inmitten einer anderen Epidemie, diese soziale „Wohltat“ für Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben und bisher nur eine Grundsicherung – sprich: Hartz-IV-Niveau – als Alterseinkommen erwarten konnten, wieder in Frage stellt.

 

Das hat dem Messdiener Blüm gefallen

Norbert Blüm ist gestorben. 84 Jahre alt wurde er. Als Franz Josef Strauß in den 70er Jahren offen mit dem Pinochet-Regime in Chile sympatisiert hatte, und CDU-Generalsekretär Bruno Heck meinte, dass das Klima im Stadion von Santiago – in dem politische Gefangene gefoltert wurden – bei gutem Wetter doch ganz angenehm sei – war Norbert Blüm der Mann in der CDU, der sich offen – bei einem Besuch in Chile – schockiert über die brutale Terrorherrschaft der Militärjunta äußerte.

2005 traf ich ihn in Fulda, als er dort im September den „Winfried-Preis“ erhielt:

Und ich habe später, 2015, nochmal einen Beitrag zu seinem 80. Geburtstag gemacht, den ich jetzt zu seinem Tod mit neuen Zeitbezügen neu produziert habe:

 

77 Jahre nach der Deportation hessischer Sinti; 40 Jahre nach dem Hungerstreik von 12 Sinti in Dachau:

Roma und Sinti sind in Europa massiv bedroht.

77 Jahre, nachdem hessische Sinti von den Nationalsozialisten in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt worden sind, warnen deutsche Sinti und Roma in der Corona-Krise vor einer europaweiten Katastrophe, die Hundertttausende Leben fordern könnte.

„Roma und Sinti stellen mit über 10 Millionen Menschen die größte ethnische Minderheit Europas dar. Die Angehörigen der Minderheit sind derzeit massiv bedroht“, heisst es auf der Seite des Verbandes deutscher Sinti und Roma, Landesverband Hessen. In Bulgarien seien in den letzten Tagen mehrere Stadtviertel abgesperrt worden, in denen Menschen mit Roma-Hintergrund leben. Dabei sei auch mit dem Gerücht operiert worden, dass Roma das Corona-Virus in Bulgarien eingeschleppt hätten.

Über diese große und besondere Risiko-Gruppe spricht man in der Öffentlichkeit kaum. Das Desinteresse an ihnen hat sicherlich mit der jahrhundertelangen Verachtung und Diskriminierung von Sinti und Roma zu tun. Die schließlich dazu führte, dass die Nationalsozialisten sie, genauso wie Juden, als „minderwertige Rasse“ planmäßig gezielt vernichten, sprich: ermorden wollten.

Vor 77 Jahren, im März 1943, wurden Sinti aus vielen Hessischen Städten mit Zügen deportiert. Die meisten von ihnen überlebten das KZ nicht. Zwei Schwestern aus Fulda, die zu den wenigen gehört hatten, die das Grauen überlebt hatten, haben mir 1994 und 2005 erzählt, was ihnen damals angetan wurde. Eine von ihnen war Amalie Guthermuth, über die ich damals einen Hörfunk-Beitrag gemacht habe. Ich habe nun eine wesentlich ausführlichere Version dessen, was sie mir erzählt hat, hier eingestellt. Auch ihr Zeugnis und ihr Schicksal sollten dokumentiert bleiben und nicht in Vergessenheit geraten.

Lange Zeit war der Holocaust an Sinti und Roma nicht einmal anerkannt worden. Heute genau vor 40 Jahren traten deshalb 40 Sinti in den Hungerstreik:

Der Antiziganismus, der zum Massenmord an Sinti und Roma durch die Nazis führte, ist nie verschwunden und führt nicht nur in Osteuropa, aber vor allem dort dazu, dass den dort lebenden Roma Grundrechte verwehrt werden: Weiterlesen

Fuldaer Kräppel und fetter US-Schinken

Das Ende des 2. Weltkriegs in Fulda – heute vor 75 Jahren.

Ende März, Anfang April rückten die US-Truppen in Hessen immer weiter nach Osten vor. General Georg S. Pattons Truppen kamen durch den Taunus und den Vogelsberg. Kurz vor Ostern 1945, das auf den 1. April fiel, marschierten sie in Fulda ein. Schon am Karsamstag, also am 31. März, hatten sie die Vororte der Stadt erreicht.

Damit war der 2. Weltkrieg in Fulda zu Ende.

Im Jahr 2005, als sich das Kriegsende in Fulda zum sechzigsten Mal jährte, habe ich mit Menschen gesprochen, die diese Befreiung von der Nazi-Herrschaft miterlebt hatten.

Maria Mahr war 1945 12 Jahre alt. Sie wohnte in der Königstraße in Fulda. Weiterlesen

Nach dem Massenmord von Hanau: Zurück zur Tagesordnung?