„Bei uns hat sich keiner entschuldigt“ – Amalie Gutermuth aus Fulda überlebte Auschwitz

Amalie Gutermuth ist Sintezza – das ist die weibliche Einzahlform der Bezeichnung Sinti. Sie wurde 1919 in Fulda geboren, besuchte dort die Schule und begann dann zu arbeiten. Seit Hitlers Machtantritt, also seit 1933, durften Sinti und Roma nicht mehr reisen – sie mußten an einem Platz bleiben. Amalie Gutermuth war mit ihrer Familie aber auch vorher schon weitgehend seßhaft geworden. Wie die Juden waren sie rechtlos geworden in Hitlers Reich:

„Wir brauchten keinen Stern zu tragen oder so was. Aber: Wir durften kein Kino besuchen, keine öffentliche Gaststätte. Naja, nun damals – was gab’s denn schon? Tanzboden oder so gab es doch sowieso nicht. Wir haben das ja auch nicht vermißt. Wir sind ja nicht in der Öffentlichkeit oder bei Veranstaltungen oder sonst so irgendetwas. Und Kino hat mich schon gar nicht interessiert. „

Sie gehörte zu den 137 Sinti und Roma, die 1939 noch in Stadt Fulda und damaligem Kreis Fulda registriert waren. Einzelne damals so genannte „Zigeuner“ waren schon in den Jahren davor in KZ’s deportiert worden – als sogenannte „Asoziale“. Im März 1943 dann begannen die planmäßigen Deportationen von Sinti und Roma – SS-Reichsführer Heinrich Himmler hatte am 16.12.1942 den Befehl dazu gegeben. Am 15. März 1943 wurden Sinti und Roma aus Fulda mit einem Sonderzug nach Auschwitz deportiert…

„Wir sind morgens aufgestanden, zur Arbeit. Wir waren schon alle auf. Denn wir drei Schwestern, wir haben in Weißensee in Fulda gearbeitet, und wir mußten zur Schicht, zur Frühschicht. Morgens um sechs Uhr anfangen bis mittags zwei. Naja, und da hörten wir draußen ungewohnte Geräusche, Getrappel, Gelauf. Wir haben geguckt, was da so sein kann. Da war die Kripo, die Polizei und alles, da haben sie uns geholt. Anstatt zur Arbeit sind wir ins KZ gekommen“

Die Sinti und Roma aus Hessen wurde in einen Sonderzug gepfercht, der in Darmstadt begann und auch über Fulda ging – so erlebte Amalie Gutermuth diesen Tag:

„Erst im Holzgarten hier, bis alle zusammenwaren, bis sie alles zusammenhatten. Und dann abends, dann ging es zum Bahnhof, zum Zug. Und da wurden dann die Hersfelder mit angehängt. Die waren schon mit dem Zug gekommen und wurden angehängt. Und dann ging es weiter nach Auschwitz“

Auschwitz-Birkenau: Dort hatte die SS das sogenannte „Zigeunerlager“ eingerichtet – eine halbe Million Sinti und Roma aus allen von Deutschland besetzten Gebieten wurden hier ermordet – nur einige Tausend überlebten. Auch Amalie Gutermuth überlebte – eher durch Zufall:

„Ja sicher: Wir standen ja selber schon zweimal vorm Gasofen und da hieß es: Die Lagerstraßen, alles in die Blöcke. Dann kamen die Lastautos an. Den Krankenbau hatten sie schon geräumt. Und warum es dann aber abgeblasen wurde – weiß der liebe Gott, ich weiß es nicht! Es wurde dann im letzten Moment abgeblasen und wir kamen nochmal davon. Sonst wären wir auch durch den Schornstein gegangen. Und was da im Lager passierte, wenn der Schornstein rauchte: das wußte jedes kleine Kind. Wir haben unserer Kleinen beigebracht: Es ist die Bäckerei, es wird Brot gebacken. Und wenn sie dann den Schornstein rauchen sah, dann hat sie immer gesagt: ‚Mama, die backen wieder Brot!'“

Die meisten Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet.

„Oh Gott, von unserer Familie…Wir waren sechs Geschwister. Die älteste Schwester, die hatte sechs Kinder. Die andere Schwester hatte zwei, und die eine hatte eins. Und von uns, von unserer Familie direkt, sind wir noch mit vier Stück davongekommen….“

Im April 1944 wurde Amalie Gutermuth in ein anderes KZ, nach Ravensbrück gebracht, schließlich konnte sie kurz vor Kriegsende bei einem Marsch fliehen. (Das Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau wurde vom 2. auf den 3. August 1944 liquidiert – von den 6000 noch lebenden Menschen wurden 3000 für Arbeitszwecke benötigt; die restlichen wurden in dieser Nacht ermordet.)

Hat sich nach dem Krieg bei ihr jemals jemand entschuldigt?

„Entschuldigt und anerkannt praktisch in dem Sinne hat sich hier keiner bei uns. Und Entschädigung: Wir haben für 25 Monate Haft…habe ich 3000 Mark gekriegt. Zur damaligen Zeit. Und das war es dann auch. Die haben ja unseren ganzen Haushalt, alles, beschlagnahmt. Das war ja alles weg, wir hatten ja nichts mehr, mußten den Haushalt verlassen, so wie er stand. Außer ein paar Kleidungsstücken, das, was wir übereinander gezogen hatten; und die Lebensmittel, die durfte man mitnehmen, und alles andere mußte dableiben. Und fertig, aus! Und gekriegt…Doch, da fällt mir grad was ein: 1500 Mark, glaube ich, haben sie uns gegeben. Für die Wohnungsentschädigung. Aber was sind denn 1500 Mark für einen ganzen Haushalt?“

Um ihre kleine Rente von nicht einmal 1000 Mark mußte sie noch kämpfen. Die bekam sie dafür, daß sie „Schaden an Leben und Gesundheit“ genommen hatte. Nach 49 Jahren, am 5. November 1994, wurde in Fulda erstmals bei einer Gedenkfeier im Stadtschloß an Amalie Gutermuths ermordete Familienangehörige und die übrigen Fuldaer Sinti erinnert. Aber das gab ihr damals keine besondere Zuversicht mehr, daß die Gesellschaft; daß die Fuldaer sich in Zukunft mehr für das Schicksal der ermordeten oder knapp dem Tode entronnenen Mitbürger interessieren würden; daß sie vielleicht sogar ein wenig mitfühlen würden mit den verfolgten Sinti:

„Bei uns hat sich keiner entschuldigt, und uns hat auch noch niemand eingeladen. Und das ist das schlimme, was ich an dem ganzen, in der heutigen Zeit noch, nicht verstehen kann: Daß man gerade uns heute wieder ins Abseits schiebt. Es ist in der Literatur und allem drum und dran ist es wenig bekannt. Es wird auch nicht genannt. Wenn mal ein Artikel drinne ist, dann ist es vielleicht mal soviel…und alles andere interessiert nicht. Es geht aber uns nicht alleine so, es geht den politischen Verfolgten, bei denen ist genau dasselbe, das ist so, als wenn das gar nicht existiert hätte; als wenn das nicht gewesen wäre. Und das ist das heute, was ich an unserer Regierung nicht verstehe, daß wir in diesem Falle einfach übergangen werden: Wir sind nicht da!“

(Hier können Sie meinen Beitrag über Amalie Gutermuths Schwester hören, die ebenfalls das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebte und mit der ich zehn Jahre später sprach)

49 Jahre nach Kriegsende hatte sich die Stadt Fulda endlich der Sinti und Roma, die in Fulda lebten und von denen viele im KZ Auschwitz-Birkenau vergast wurden, erinnert.
Zur Gedenkfeier war der Fürstensaal des Fuldaer Stadtschlosses nur etwa zu einem Drittel gefüllt – bei der feierlichen Eröffnung der Landesgartenschau im gleichen Jahr gab es dort keine leeren Stuhlreihen; da hatte es niemand von der lokalen Prominenz versäumt, zu kommen. Immerhin wurde  etwas mehr als ein Jahr später, auf Drängen des Landesverbandes der Sinti und Roma in Hessen dann eine Gedenktafel für die ermordeten Fuldaer Sinti und Roma im Fuldaer Stadtschloß angebracht. So wie es schon vorher eine Tafel für die ermordeten Juden aus Fulda gegeben hatte.

 

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