„Bei uns hat sich keiner entschuldigt“ – Amalie Gutermuth aus Fulda überlebte Auschwitz

Amalie Guthermuth habe ich 1994 in ihrem kleinen Häuschen in Fulda interviewt. Sie hatte das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt. Sie war, mit mehreren Familienmitgliedern, als „Zigeunerin“ dorthin verschleppt worden. Die meisten ihrer Angehörigen wurden dort ermordet. Der Anlass war damals, dass man am 5. November 1994  erstmals überhaupt eine Gedenkfeier für die durch die Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma aus Fulda veranstaltete. Ich hatte sie als eine der wenigen damals noch lebenden Fuldaer Sinti, die das Lager Birkenau überlebt hatten, für einen Hörfunk-Beitrag interviewt, der natürlich nur die übliche Länge von etwa drei Minuten haben konnte.  Acht Jahre später starb Amalie Guthermuth. Jetzt, Jahrzehnte später, habe ich mir die Gesamtaufnahme des Gespräches noch einmal angehört, und dachte mir: Ich möchte eigentlich all das, was sie mir damals erzählt hat, erhalten, und habe deshalb hier jetzt weitere Teile hineingestellt. Dadurch ist diese Seite jetzt viel länger und ausführlicher geworden.

Amalie Gutermuth ist Sintezza – das ist die weibliche Einzahlform der Bezeichnung Sinti. Sie wurde 1919 in Fulda geboren, besuchte dort die Schule und begann dann zu arbeiten.

Seit Hitlers Machtantritt, also seit 1933, durften Sinti und Roma nicht mehr reisen – sie mußten an einem Platz bleiben. Amalie Gutermuth war mit ihrer Familie aber auch vorher schon weitgehend seßhaft geworden. Wie die Juden waren sie rechtlos geworden in Hitlers Reich:

„Wir brauchten keinen Stern zu tragen oder so was. Aber: Wir durften kein Kino besuchen, keine öffentliche Gaststätte. Naja, nun damals – was gab’s denn schon? Tanzboden oder so gab es doch sowieso nicht. Wir haben das ja auch nicht vermißt. Wir sind ja nicht in der Öffentlichkeit oder bei Veranstaltungen oder sonst so irgendetwas. Und Kino hat mich schon gar nicht interessiert. „

Sie gehörte zu den 137 Sinti und Roma, die 1939 noch in Stadt Fulda und damaligem Kreis Fulda registriert waren. Einzelne damals so genannte „Zigeuner“ waren schon in den Jahren davor in KZ’s deportiert worden – als sogenannte „Asoziale“, erzählte Amalie Guthermuth 1994:

„(Die sind) geholt worden. Die nannte man dann so: ‚asozial‘. Das Kind brauchte ja einen Namen, ganz klarer Fall. Die haben uns ja auch als asozial hingestellt, obwohl sie uns praktisch von der Arbeitsstelle geholt haben! Denn wir wollten ja morgens zu Arbeit gehen: Um sechs Uhr fing die Schicht an! Und es war fünf Uhr morgens, als das passierte, wo sie uns geholt haben!“.

Ihr Arbeitsplatz war bei der metallverarbeitenden Firma Weißensee in Fulda:

„Eisen, Metall, die haben Ringe für Gasmasken (hergestellt), auch für andere Teile, Schrauben… Ich stand dort an der Drehbank, ich habe an der Presse gestanden, ich habe an der Bohrmaschine gestanden. Ich habe nämlich sehr schnell begriffen, und immer da, wo es notwendig war, haben sie mich da eingesetzt“

Im März 1943 begannen die planmäßigen Deportationen von Sinti und Roma – SS-Reichsführer Heinrich Himmler hatte am 16.12.1942 den Befehl dazu gegeben. Am 15. März 1943 wurden Sinti und Roma aus Fulda mit einem Sonderzug nach Auschwitz deportiert.

„Wir sind morgens aufgestanden, zur Arbeit. Wir waren schon alle auf. Denn wir drei Schwestern, wir haben in Weißensee in Fulda gearbeitet, und wir mußten zur Schicht, zur Frühschicht. Morgens um sechs Uhr anfangen bis mittags zwei. Naja, und da hörten wir draußen ungewohnte Geräusche, Getrappel, Gelauf. Wir haben geguckt, was da so sein kann. Da war die Kripo, die Polizei und alles, da haben sie uns geholt. Anstatt zur Arbeit sind wir ins KZ gekommen“

Die Sinti und Roma aus Hessen wurde in einen Sonderzug gepfercht, der in Darmstadt begann und auch über Fulda ging – so erlebte Amalie Gutermuth diesen Tag:

„Erst im Holzgarten hier, bis alle zusammenwaren, bis sie alles zusammenhatten. Und dann abends, dann ging es zum Bahnhof, zum Zug. Und da wurden dann die Hersfelder mit angehängt. Die waren schon mit dem Zug gekommen und wurden angehängt. Und dann ging es weiter nach Auschwitz“.

„Dann wurden wir ins Familienlager gebracht und dann auf die einzelnen Blöcke verteilt. Naja, das wars dann: dann waren wir da. Da gab es ja kein Wasser, keine Toilette so in dem Sinne, nichts. Da waren wir dann bis April 1944“.

Ausführlicher schilderte mir Amalie Guthermuths Schwester, Dorothea Heinle, zehn Jahre später, Anfang 2005, die Situation im Lager:

Allen wurde die KZ-Nummer eintätowiert – sie war auch über 50 Jahre später deutlich am Arm von Dorothea Heinle zu sehen. Sie kamen in Baracken – ehemalige Pferdeställe, dreistöckige Holzbetten, ohne Wasser, ohne Toiletten.

Die Gefangenen mußten das Lager erst einmal aufbauen.

„Und dann fing das an“, erzählte Amalie Guthermuths jüngere Schwester, „dass die Kinder erstmal starben. Hunger. Verhungert. Die waren bloß noch Skelette. Die wurden dann einfach rausgeholt und vor die Baracke hingeschmissen, und da blieben sie erstmal liegen, bis da so ein Berg erstmal zusammen war“.

Zu essen gab es im KZ Auschwitz-Birkenau fast nichts:

„Und was in dem Fraß da drinne rumschwamm“, erzählte Dorothea Heinle: „Da haben wir sogar Menschenaugen drin gefunden, und all der Dreck, was da … ja…. wir haben es gegessen“.

Ihrer älteren schwangeren Schwester schnitten sie bei vollem Bewußtsein den Bauch auf, holten ihr Baby aus dem Körper und machten damit Experimente. Das war der Grund, warum Amalie Guthermuth nie mehr Kinder kriegen konnte. Sie selbst hatte mir davon nichts erzählt, außer, dass sie im KZ sterilisiert worden war.

Auschwitz-Birkenau: Dort hatte die SS das sogenannte „Zigeunerlager“ eingerichtet – eine halbe Million Sinti und Roma aus allen von Deutschland besetzten Gebieten wurden hier ermordet – nur einige Tausend überlebten. Zu ihnen gehörte Amalie Gutermuth:

„Ja sicher: Wir standen ja selber schon zweimal vorm Gasofen und da hieß es: Die Lagerstraßen, alles in die Blöcke. Dann kamen die Lastautos an. Den Krankenbau hatten sie schon geräumt. Und warum es dann aber abgeblasen wurde – weiß der liebe Gott, ich weiß es nicht! Es wurde dann im letzten Moment abgeblasen und wir kamen nochmal davon. Sonst wären wir auch durch den Schornstein gegangen. Und was da im Lager passierte, wenn der Schornstein rauchte: das wußte jedes kleine Kind. Wir haben unserer Kleinen beigebracht: Es ist die Bäckerei, es wird Brot gebacken. Und wenn sie dann den Schornstein rauchen sah, dann hat sie immer gesagt: ‚Mama, die backen wieder Brot!'“

Zweimal waren sie aus dem Lager rausgeholt worden und standen kurz vor der Ermordung.

„Da mussten wir unsere Toten und alle mitnehmen“, erzählte Dorothea Heinle, „und da kamen wir  vors Krematorium, und da haben wir vorm Krematorium gestanden, dass wir auch da reinsollten.  Da kam aber der Befehl von Berlin, die sollen uns wieder zurück…. also: wir kommen nicht  darein. Also zweimal haben wir kurz darvor gestanden. Und da war ich 21 Jahre alt”.

Die meisten Familienmitglieder aber wurden in Auschwitz ermordet, sagte Amalie Guthermuth:

„Oh Gott, von unserer Familie…Wir waren sechs Geschwister. Die älteste Schwester, die hatte sechs Kinder. Die andere Schwester hatte zwei, und die eine hatte eins. Und von uns, von unserer Familie direkt, sind wir noch mit vier Stück davongekommen….“

Die anderen, sagte Amalie Gutermuth, sind alle in Auschwitz geblieben.

Nach etwa einem Jahr wurden die Schwestern in andere Lager gebracht, um dort Panzerfäuste und Eisenbahnflakgeschütze zu bauen.

Amalie Guthermuth kam im April 1944 ins KZ nach Ravensbrück, schließlich konnte sie kurz vor Kriegsende bei einem Marsch fliehen. (Das Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau wurde vom 2. auf den 3. August 1944 liquidiert – von den 6000 noch lebenden Menschen wurden 3000 für Arbeitszwecke benötigt; die restlichen wurden in dieser Nacht ermordet. )

„Dort wurden dann die gesündesten herausgesucht, Juden vor allen Dingen, und nun aufgeteilt in kleinere Lager. Wir kamen erst nach Ravensbrück, dort war sechs Wochen Quarantäne, und von da wurden wir weitergeschickt. Meine zwei Schwestern, die kamen nach Altenburg, ins Munitionslager, und ich nach Graslitz. Das war eine Fabrik, die machte Ersatzteile für Flugzeuge. Da waren wir dann bis 1945, auch noch an Adolf Hitlers Geburtstag am 20. April. Und wurden dort auf Marsch gesetzt. Was mit uns geschehen sollte, weiss kein Mensch. So waren wir drei Tage unterwegs, ohne Essen, ohne Trinken – außer, wenn wir ein Kartoffelfeld gesehen haben vor einem Bauernhaus, da haben wir uns ein paar Kartoffeln geklaut.

Und dann haben wir mal übernachtet in – jetzt darf ich das nicht verwechseln, entweder Marienbad oder Karlsbad – Karlsbad, glaube ich, war es. Da haben wir übernachtet in einem Waldstück, direkt an der Straße, und am nächsten Morgen sind wir getürmt, meine Schwester mit ihrer Tochter und zwei Schwestern vom Biedenkopf (Biedekopp). Das war das jetzt im Groben.

Danach waren wir drei Wochen unterwegs, 14 Tage, drei Wochen ungefähr. Das ist passiert, Katzenellenbogen nannte sich das, das ist noch Sudetenland, wo wir – in Karlsbad sind wir abgehauen, dann waren wir den ganzen Tag unterwegs, und kamen in einem Nest raus, Katzenellenbogen, glaube ich, hieß es. Und von dort aus haben wir uns dann ausgegeben als Flüchtlinge von (aus) Asch – denn der Krieg hatte dort zum Schluss noch stattgefunden, im Kessel da. Wir haben unsere Kleider umgedreht, wir hatten ja zivile Kleider, aber mit Farbe beschmiert. Nadel, Faden, Schere habe ich mir besorgt, und dann haben wir das umgenäht, eben, dass wir wie Zivilisten aussahen. Wir durften ja noch nicht sagen, wo wir herkamen! Da haben wir dann noch acht Tage in einem Dorf festgelegen, bis dann die ersten Panzerspitzen durchkamen, und da sind wir dann losmarschiert, in Richtung Heimat! Und waren 14 Tage oder drei Wochen unterwegs, bis wir hier ankamen, in Fulda“.

Als sie auf die vorrückende US-Armee gestoßen waren, erzählte Dorothea Heinle, „da haben wir welche getroffen von Auschwitz, wie wir dann endlich raus sind, und da hat’s geheissen: Den Rest, wo sie in Auschwitz drinnehatten, da ist die SS hingegangen und hat sie alle totgeschlagen. Totgeschlagen! Und da war meine Mutter dabei, meine kleine Nichte“.

Hat sich bei Amalie Guthermuth nach dem Krieg jemals jemand bei ihr entschuldigt?

„Entschuldigt und anerkannt praktisch in dem Sinne hat sich hier keiner bei uns. Und Entschädigung: Wir haben für 25 Monate Haft…habe ich 3000 Mark gekriegt. Zur damaligen Zeit. Und das war es dann auch. Die haben ja unseren ganzen Haushalt, alles, beschlagnahmt. Das war ja alles weg, wir hatten ja nichts mehr, mußten den Haushalt verlassen, so wie er stand. Außer ein paar Kleidungsstücken, das, was wir übereinander gezogen hatten; und die Lebensmittel, die durfte man mitnehmen, und alles andere mußte dableiben. Und fertig, aus! Und gekriegt…Doch, da fällt mir grad was ein: 1500 Mark, glaube ich, haben sie uns gegeben. Für die Wohnungsentschädigung. Aber was sind denn 1500 Mark für einen ganzen Haushalt?“

Das mit der Haushaltsentschädigung, das war aber erst Jahre danach, zwischen den fünfziger und sechziger Jahren.

Um ihre kleine Rente von nicht einmal 1000 Mark mußte sie noch kämpfen. Die bekam sie dafür, daß sie „Schaden an Leben und Gesundheit“ genommen hatte. Nach 49 Jahren, am 5. November 1994, wurde in Fulda erstmals bei einer Gedenkfeier im Stadtschloß an Amalie Gutermuths ermordete Familienangehörige und die übrigen Fuldaer Sinti erinnert. Aber das gab ihr damals keine besondere Zuversicht mehr, daß die Gesellschaft; daß die Fuldaer sich in Zukunft mehr für das Schicksal der ermordeten oder knapp dem Tode entronnenen Mitbürger interessieren würden; daß sie vielleicht sogar ein wenig mitfühlen würden mit den verfolgten Sinti:

„Bei uns hat sich keiner entschuldigt, und uns hat auch noch niemand eingeladen. Und das ist das schlimme, was ich an dem ganzen, in der heutigen Zeit noch, nicht verstehen kann: Daß man gerade uns heute wieder ins Abseits schiebt. Es ist in der Literatur und allem drum und dran ist es wenig bekannt. Es wird auch nicht genannt. Wenn mal ein Artikel drinne ist, dann ist es vielleicht mal soviel…und alles andere interessiert nicht. Es geht aber uns nicht alleine so, es geht den politischen Verfolgten, bei denen ist genau dasselbe, das ist so, als wenn das gar nicht existiert hätte; als wenn das nicht gewesen wäre. Und das ist das heute, was ich an unserer Regierung nicht verstehe, daß wir in diesem Falle einfach übergangen werden: Wir sind nicht da!“

Amalie Guthermuth und ihre Schwester hatten Auschwitz überlebt: Aber auch viele Jahrzehnte konnte die Verbrechen, die an diesen Menschen begangen worden sind, nicht wieder gutgemacht werden. Dorothea Heinle kämpfte mit den Tränen und sagte:

„Also, ehrlich: wenn sowas nochmal vorkäme: Ich würde mich und meine Familie vorher umbringen. Keiner…. dieses Mitmachen…Was man da erlebt hat: Das vergisst man nicht! Ich bin die einzige noch!“

(Hier können Sie meinen Beitrag über Amalie Gutermuths Schwester Dorothea Heinle hören, die ebenfalls das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebte und mit der ich zehn Jahre später sprach)

49 Jahre nach Kriegsende hatte sich die Stadt Fulda endlich der Sinti und Roma, die in Fulda lebten und von denen viele im KZ Auschwitz-Birkenau vergast wurden, erinnert.
Zur Gedenkfeier war der Fürstensaal des Fuldaer Stadtschlosses nur etwa zu einem Drittel gefüllt – bei der feierlichen Eröffnung der Landesgartenschau im gleichen Jahr gab es dort keine leeren Stuhlreihen; da hatte es niemand von der lokalen Prominenz versäumt, zu kommen. Immerhin wurde  etwas mehr als ein Jahr später, auf Drängen des Landesverbandes der Sinti und Roma in Hessen dann eine Gedenktafel für die ermordeten Fuldaer Sinti und Roma im Fuldaer Stadtschloß angebracht. So wie es schon vorher eine Tafel für die ermordeten Juden aus Fulda gegeben hatte.

 

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