Sonne, Orangen, Cadmium

Ein ökologischer Abstecher nach Südostspanien Januar 1989

     Umweltschutz – auf der iberischen Halbinsel ein exotisches Fremdwort? Im Januar dieses Jahres übernahm Spanien die Ratspräsidentschaft der Europäischen Gemeinschaft. Als Ministerpräsident González am 2. Januar feierlich die Außenminister in Madrid empfing. betonte er in einer Rede, auf welche Bereiche er besonderes Augenmerk legen werde. Er sprach von der Vorbereitung auf die öffnung des EG-Binnenmarktes 1992, vom Angehen der Probleme. die sich aus den Unterschieden in der sozialen Absicherung ergeben, außenpolitischen Initiativen – gemeinsame Umweltschutzaktivitäten erwähnte er kurz an siebter oder achter Stelle seiner Prioritäten. Stolz wies er in einem ZEIT-Interview vom Februar 1989 auf die spektakuläre Wachstumsrate der spanischen Wirtschaft von durchschnittlich 14 bis 15 Prozent in den letzten drei Jahren hin und meinte, der Schaffung von Arbeitsplätzen gehöre die oberste soziale Priorität. Am Schluß des Gespräches sagte er, wohl kaum eine mögliche ökologische Katastrophe vor Augen: „Die Spanier sind ein Volk, das wahrscheinlich mehr auf Tragödien als auf Wohlstand eingestellt ist .(…) Aber ich glaube. daß sich das tragische Lebensgefühl der Spanier allmählich ändert.“

   „Die Region Murcia: Land, Obstplantagen und Meer…“, begrüßt den Besucher eine Broschüre des Rates für Industrie, Handel und Tourismus der autonomen Provinz Murcia. Sonnenhungrige Touristen erwarten 250 Kilometer Küste an zwei Meeren, dem Mittelmeer und dem mar menor, das von zwei sich begegnenden langgestreckten Halbinseln mit nur einer kleinen Verbindung zum großen mare mediterraneo zu einem kleinen Binnenmeer gemacht wird. „Nutzung des ganzen Küstengebiets -vor allem des Mar Menor wegen der Stille seines Wassers – für die Ausübung aller Arten von Wassersport“, verspricht das Heftchen weiter.

   Einen ersten Vorgeschmack davon. daß in diesem sonnigen Teil Südostspaniens nicht alles den schöngefärbten Anpreisungen der Tourismus-Förderer entspricht, erhalten wir bei der Fahrt ins Zentrum der Stadt Murcia. Penetrant bringt sich der Fluß Segura, Lebensader von Stadt und Region, immer wieder in Erinnerung. Ein Gestank, ähnlich den von zu Hause nur allzu bekannten übel riechenden Abgasen von Chemiefabriken, stört die milde Frühlingsluft.

      Vorzugsweise an Wochenenden, tritt der Segura mehrmals im Jahr über die Ufer und überschwemmt auch Teile der murcianischen Innenstadt. Sehr zum Verdruß von Ana Reviejo, Reporterin der lokalen Tageszeitung La Opinión. „Wir Journalisten müssen dann immer Überstunden machen“, beklagt sie sich. Über die Ursache des Gestanks kann sie uns allerdings beruhigen: „Flußaufwärts gibt es eine ganze Reihe von Konservenfabriken, die Obst- und Gemüseabfälle in den Fluß einleiten. Es gibt dort keine Chemiefabriken oder andere Schwerindustrie“.

     Ginge es nur um einen mit Bio-Abfällen belasteten Fluß – sicherlich hätten sich nicht vorwiegend junge Menschen in Murcia zur Àsociación de Naturalistas dei Sureste zusammengeschlossen. Dem Bild von „Grünen“, wie man es sich in Deutschland macht, entsprechen Joaquin, Christina, António, Javier und fast 500 weitere Mitglieder nicht.  Vorwiegend Studenten, Naturwissen-schaftler, aber auch junge Geschäftsleute, wirken sie so unalternativ bürgerlich, daß sie als jungkonservative Christdemokraten durchgehen könnten. Ihr Büro in einem Haus in der Innenstadt hat säuberlich beschilderte Räume für den „Direktor“, den Versammlungsraum, das Archiv. In ihrem Engagement sind die freundlichen Leute von ANSE jedoch ein lästiger Stachel für die Behörden der Regionalregierung. Immer wieder bringen sie, durch Demonstrationen, Eingaben und Pressearbeit, die bedrohte Situation der Umwelt in das Bewußtsein der Öffentlichkeit.

   Wenn man die Stadt Murcia südlich Richtung Meer verläßt, erblickt man ein beeindruckendes Panorama. Karge, bizarre Berge umschließen die huerta, das Tal mit seinen zahllosen Orangen und Zitronenplantagen. Bewirtschaftet werden sie meist von Kooperativen; Zusammenschlüssen der Bauern, um ihre Erzeugnisse gemeinsam vermarkten zu können. Eine fruchtbare Landschaft, seit Jahrtausenden besiedelt und umkämpft. Immer auch war es ein Kampf gegen die Natur; um das Wasser, von dem immer zu wenig vorhanden war. Alle Epochen klügelten Bewässerungssysteme aus. um die heftigen Schwankungen zwischen Dürre und Überschwemmungsperioden durch menschliches Eingreifen auszugleichen. Dieses Umweltproblem kennt man hier schon seit Jahrhunderten: Die spanischen Konquistadoren holzten die früher üppigen Mischwälder ab, um ihre gewaltige Armada für die Eroberung Lateinamerikas und gegen die Engländer zu bauen. Seitdem wird der fruchtbare Boden. durch kein Wurzelwerk mehr gehalten, bei überschwemmungen weggespült und ist unwiederbringlich verloren. La desertificación, das Vorrücken der Wüste, bedroht heute noch ertragreiche Obstplantagen. Denn auch der Tourismus fordert seinen folgenschweren Tribut. Wasser, für Hotels und Golfplätze an der Küste abgezogen, fehlt für die Landwirtschaft. Und die Wüste kann noch schneller fortschreiten…

      Nach einiger Zeit wird die Landschaft karger. Roter. bröckliger‘ Boden kündet von geringerer Fruchtbarkeit. Dafür von etwas anderem: Bodenschätzen. Schon Phönizier,  Karthager,  Griechen
und Römer wußten um den Mineralienreichtum Südostspaniens. Das Gestein des Sancti Spiritu-Gebirges war und ist prall gefüllt mit Kupfer, Blei, Mangan und Zink.

      Mit uns fahren Carmen, Xavier, Juan Luís und António von ANSE. Die zwanzig- bis dreißigjährigen jungen „ecologistas“ wollen uns eine „Attraktion“ zeigen, auf die uns wohl kaum das Fremdenverkehrsamt aufmerksam gemacht hätte. Nachdem wir die Industriestadt Cartagena durchquert haben, gelangen wir zu einer etwas außerhalb der Stadt gelegenen Meeresbucht. Eingebettet zwischen die hohen Ausläufer der Sierra de la Fausilla, die hier bis ans Meeresufer reichen, erblicken wir ein Bild von überwältigend beklemmender Unwirklichkeit. Es könnte von einer Fantasy-Schallplattenhülle stammen: Menschenleer erstreckt sich vor uns ein schwarzer Strand. An den Felswänden entlang verlaufen zwei parallele Rohre. deren Ende und Aufgabe man erst erkennt, wenn man ihrem Verlauf über 200 Meter gefolgt ist (wozu man sich auf den unheimlichen außer planetarischen Sand begeben muß).
Aus den Ausläufen der beiden Rohre ergießt sich in zwei dicken, kraftvollen Strahlen eine graue Flüssigkeit. Sie bildet einen kleinen See, verläuft langsam in einer Art Pril und vereinigt sich schließlich mit dem widerstrebenden Meer. Die aufbrechenden Wellen. noch tiefblau. weisen an ihrer Spitze schon die scharf davon abgesetzte Graufärbung auf.

     „Im Sommer wetteifern hier die Kinder der Dorfbewohner darum. wer am längsten dem Druck des Strahls standhalten kann“, erzählt uns António, ein 27-jähriger Tierarzt. Er ist Vertreter der ANSE in Cartagena. „Ihre Eltern lassen sie. Sie sonnen sich hier ja selber.“
Wir entsinnen uns der mißtrauischen Blicke, als wir, Fremde und spanische „Grüne“,  das kleine Dorf durchfuhren. Aus Angst um ihre Arbeitsplätze in diesem Gebiet mit einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von etwa 20% verschließen die Einheimischen die Augen vor der Tatsache. daß sie ihr Strandvergnügen auf konzen-triertem, hochgiftigem Abfall genießen. Denn aus nichts anderem besteht diese Stelle, an der früher das Meer bis zu den Felsen reichte. Um die begehrten Stoffe aus dem Gestein und von unerwünschten Abfallstoffen zu befreien, werden sie in Gesteinswaschanlagen mit hochgiftigen Säuren behandelt. Diesen toxischen Sud lassen kleinere Gesellschaften in die ramblas fließen,
kleine Flußläufe, die einst der Bewässerung dienten, heute aber durch die Einleitungen biologisch mausetot sind. 8.000 Tonnen pro Tag leitet die größte Mineraliengewinnungsfirma Peñarroya über Rohre direkt in das Mittelmeer. Die einheimischen Sommerfrischler tanzen auf einem Vulkan. 80% von ihnen werden an Krebs sterben.

      Diese grausige Zahl nennt uns Enrique Cíller, Diplom-Biologe und Sprecher der eurokommunistischen PCE in Murcia, den wir später dort treffen. Die Kommunisten haben im Regionalparlament der autonomen Provinz Murcia nur einen Sitz, sind aber die einzige politische Partei, die sich über bloßen Landschaftsschutz hinaus mit den unumkehrbaren Zerstörungen beschäftigt, welche der unbekümmerte Umgang mit dem Rohstoff Natur verursacht. „Wir haben sehr viele unterschiedlich gelagerte ökologische Probleme in Murcia. Obwohl es nur eine kleine Provinz ist, gibt es das Problem des Vorrückens der Wüste, der Giftstoffbelastung des Seguraflusses, der Zerstörung unserer Fauna“, sagt Enrique. „Der Stand unserer Industrialisierung beruht noch auf alten Strukturen, welche Probleme der ökologie natürlich noch nicht berücksichtigt haben. Die Belastung des Bodens ist so stark, daß sie nicht reversibel ist, ebenso des Wassers, bei dem eine grundlegende Befreiung von Verunreinigungen Milliarden von Pesetas kosten würde.“

   Und so läßt man eben alles beim Alten. Früher hatte man die tödliche graue Brühe einfach in den Hafen von Portman geleitet, wo auch ein Großteil der abgebauten Mineralien für den Export verschifft wurden. Bis er so mit Schlacken angefüllt war! daß die Schiffe nicht mehr in ihn hineinkamen. Der um die Jahrhundertwende bis zu 25 Meter tiefe Hafen ist heute ein – Badestrand! Nur dort also, wo die Umweltzerstörung so gründlich betrieben worden ist. daß sie auch direkte wirtschaftliche Unbequemlichkeiten .verursacht, beginnen die Verantwortlichen, sich Lösungen auszudenken. Und schütten einfach die nächste Bucht zu…

   Die Fische, die hier aus dem Meer gefangen werden, sind fünf mal stärker mit Schwermetallen belastet, als es die Welternährungsorganisation FAO zuläßt. Dennoch werden sie verkauft und verspeist, sagt Enrique.

    Wir verlassen das Meer wieder und fahren ein Stück landeinwärts. Nichtasphaltierte schlammige Pisten führen vorbei an toten Bergen, deren wertvolle Gesteinsschichten ausgeschlachtet worden sind. Der Eindruck von Stabilität. den ihre kahlen Felsen erwecken, täuscht. Vielfach ausund unterhöhlt, haben sie oft nur noch die Festigkeit eines Sandhügels.

     Es dunkelt schon, als wir in dem kleinen Dorf Llano deI Beal ankommen. Die beginnende Dämmerung macht das Szenario noch unheimlicher, als es ohnehin schon ist: Eine riesige Mondlandschaft bietet sich uns dar, aufgeworfene Erdhügel, zweckmäßig planierte Pisten für LKW’s, der ständig hörbare Lärm der Höllenmaschinen, die sich fast hundert Meter tief in den Kratern des Tagebaus unersättlich weiter in die Erde hineinfräsen. Gleich am Dorfeingang steht eine provisorisch zusammengezimmerte Holzhütte. an der Transparente hängen: „Schluß mit sozialer Ungerechtigkeit. Schluß mit der Diktatur!“ „Wo ist der Wechsel, den wir gewählt haben? Laßt dieses Dorf in Frieden leben!“

   Peñarroya wollte den Mineralabbau bis an die unmittelbare Grenze des Dorfes vorschieben. Denn die fetten Jahre der Ausbeutung, als man nur ein bißchen am Boden kratzen mußte, um an seine Schätze zu gelangen, gehen zu Ende. So wirft man sich jetzt auf jedes Stück Erde, das man bisher noch verschonte. Der Krater, den die Schaufelradbagger direkt neben die ersten Häuser von Llano del Beal setzen sollten, hätte unter dem Dorf Erdverschiebungen hervorgerufen. Die künstlichen Berge aus dem Abbauschutt würden ihm vier Stunden Sonne täglich nehmen.
Die Bewohner begannen sich zu wehren. Im Juni 1988 fuhren sie mit einer Delegation nach BrüsseI, um am Sitz des Rates der Europäischen Gemeinschaft zu protestieren. Vor Ort selbst nahmen nur wenige die Forderungen des Dorfes auf. Die Firma Peñarroya ist mächtig und stellt in dieser Region, mit ihrer großen Arbeitslosigkeit wichtige Arbeitsplätze. Auch die sozialistische Gewerkschaft UGT vertritt natürlich die Interessen der Beschäftigten bei Peñarroya und hat für das Anliegen der Bewohner, ihr Dorf zu erhalten, nur wenig übrig – zumal fast keiner von ihnen mehr im Bergbau arbeitet.

    Immerhin hat die Begegnung mit der unbekümmerten Landschaftszerstörung, die unmittelbar den eigenen Lebensbereich bedroht, das Bewußtsein für ökologische Zusammenhänge geschärft. Anders als wenige Kilometer entfernt, in Cartagena, sind die Vertreter der ANSE hier als Freunde willkommen geheissene Gäste.

    Vieles skandalöses  über ihre Region wissen uns die engagierten Umweltschützer von ANSE noch zu berichten und zu zeigen. Zum Beispiel die Raffinerie der spanischen Erdölgesellschaft campsa, die, ohne Filter und fast ohne staatliche Kontrolle, munter Schadstoffe emitiert. Es gibt keine Informationen über die Belastungen der Luft, die dadurch hervorgerufen werden. Juan Luís, der directór von ANSE und ihr Spezialist für Botanik, meint: „Wir wissen, daß es hier sauren Regen gibt, der bestimmte Baumarten angreift. Gezielte Forschungen gibt es aber noch nicht.“
In Cartagena soll eine neue Fabrik des amerikanischen Multikonzerns General Electric für Plastik und Silikone errichtet werden, die zwar neue Arbeitsplätze bringen wird, aber in ihren Auswirkungen auf diese schwer umweltgeschädigte Gegend kaum abschätzbare neue Risiken verspricht. In Bergen op Zoom (Niederlande), wo der Konzern bisher seine größte europäische Niederlassung hat, bestehen keine weiteren Expansionsmöglichkeiten; die ecologistas vermuten aber auch, daß Spanien mit seinen höheren oder noch gar nicht vorhandenen Grenzwerten lockt. Denn wenn man sich in der Europäischen Gemeinschaft auf gemeinsame Grenzwerte für Schadstoffemissionen geeinigt haben wird, so werden diese sicherlich höher sein als die der Niederlande oder der Bundesrepublik.

      Die auch in Murcia regierenden spanischen Sozialisten setzen, getreu der Politik ihres Ministerpräsidenten Felipe González, auf das schnellstmögliche Erreichen eines nordeuropäischen Industrialisierungsniveaus. Sie wollen gut gerüstet in das Jahr 1992 gehen, wenn der EG-Binnenmarkt geöffnet wird. Deshalb gibt es, wie in Madrid, auch in der Provinz keinen eigenen Umweltminister, der diesem Ziel mit Kompetenzen lund negativen Gutachten in die Quere kommen könnte. Erst 1987 wurde die Agencia dei Medio Ambiente gegründet. Chef dieser untergeordneten Regierungsbehörde ist seit März 1988 Lopez Baeza. Sein Vorgänger, der Geographie-Professor Lopez Bermudez, hatte nach sechs Monaten resigniert das Handtuch geworfen. Der Schwere der ökologischen Probleme in seiner Region bewußt, hatte er eine Reihe von Ideen und Initiativen entwickelt und einige Kapazitätender ökologischen Wissenschaften nach Murcia gezogen. die begeistert von dem neuen Umweltbewußtsein der Regierung waren. Luis Ramirez, auch international anerkannter Professor für „ecologia“, kam an die lokale Universität.
Die Kompetenz und Beharrlichkeit dieser Fachmänner ließ die Administration bei jeder ihrer Eingaben und Vorlagen „vor Ehrfurcht erstarren“, wie Enrique Ciller sagt, „daraufhin haben sich die anderen Ministerien zusammengesetzt und die agencia isoliert. Man hat sie ökonomisch und politisch ‚erwürgt‘. Sehr viele Unterlagen sind einfach verschwunden“. Heute hat die Behörde kaum größere Eingriffsmöglichkeiten, als „nasses Papier“ zu produzieren und so nette Aktionen wie den „Tag des Baumes“ zu veranstalten. Aus Böswilligkeit oder Unfähigkeit ließ die agencia 1,5 Milliarden Peseten (etwa 25 Millionen DM), die sie 1988 von der EG für ein Projekt gegen die desertificación bekommen hatte, einfach verfallen.

    Immerhin hat die Arbeit dieser Männer in der öffentlichkeit Spuren hinterlassen. Jede Woche schreibt Professor Ramirez einen ganzseitigen Artikel in la Opinión, wo er auf die vielfältigen Probleme der Umwelt in der Region hinweist. Regelmäßig wird auch über Aktionen der ANSE und anderer Umweltschutzorganisationen berichtet.
Ein ominöser junger Mann hat sogar spektakulär die Gründung einer grünen Partei inszeniert, ist danach allerdings verschwunden und nicht mehr auffindbar…

     Mit Lopez Baeza hat seine Partei nun den regierungsloyalen und kompromißbereiten Direktor, den sie in diesem Amt braucht. Die Kommunisten und Umweltschutzorganisationen werfen ihm nicht nur vor, daß er fachlich inkompetent sei, sondern daß er eigentlich auch kein Interesse für die ökologie habe. Diesen Eindruck haben auch wir bei einem Interview, zu dem er uns empfängt. Als wir ihn auf verschiedene Mißstände und mögliche Gegenmaßnahmen ansprechen, meint Señor Baeza:
„In Deutschland hat sich der Umweltschutzgedanke, mit konkreten Auswirkungen auf das politische Handeln, zu einem Zeitpunkt durchgesetzt, als es einen gewissen, sehr hohen Industrialisie-rungsgrad erreicht hatte, den Spanien erst noch erreichen muß.  Beispiel: Die Autobahnen. Wir hier in Spanien werden erst noch eine Reihe von Autobahnen bauen müssen, bevor wir uns Problemen des Umweltschutzes zuwenden können“.
Wir werfen ein, Spanien könne doch auch versuchen, aus den schlechten Erfahrungen hochindustrialisierter Länder zu lernen und z.B. schon viel früher mit bestimmten Gegenmaßnahmen beginnen, Dies läßt er nicht gelten:
„Wir müssen uns zuerst dem Stand der deutschen Infrastruktur angleichen; Häuser, Heizungen, sehr viele andere Dinge, die es in Spanien noch nicht gibt. Wir dürfen die von den höher entwickelten Ländern in der EG aufgestellten Normen nicht außer Acht lassen, nichtsdestotrotz hat aber Spanien das gleiche Recht wie diese Länder auf das Erreichen eines gewissen industriellen Niveaus. So werden wir die ökologischen Fehler. die z.B. die Deutschen früher bei ihrem forcierten Autobahnausbau gemacht haben, notfalls auch
hinnehmen, werden aber natürlich versuchen. so weit es geht, solche Fehler zu vermeiden“.
Im Ganzen sieht Señor Baeza die ökologische Situation in seinem Amtsbereich als nicht besonders besorgniserregend an. „Murcia hat noch sehr intakte Naturschutzgebiete; das nordöstliche Landesinnere mit seinen Bergen und Waldregionen ist kaum belastet“. „Ja“, gibt er zu, das Meer sei kontaminiert, „aber unsere Behörde ist zu einem Zeitpunkt gegründet worden, der uns ermöglicht, bei einigen Problemen noch einzugreifen. Für die Situation des Hafens in Cartagena gibt es aber keine richtige Lösung mehr“. Diese Gebiete seien sehr stark kontaminiert. „aber sie haben bisher keine ökologischen Auswirkungen auf den Rest der Region gehabt“.

    Kein Grund zur Besorgnis also, folgt man der Einschätzung des ranghöchsten Umweltzuständigen der Region. Auch der Vertreter der rechten Oppositionspartei Alianca Popular erläuterte uns wortreich die Meinung seiner Partei zu den Umweltproblemen: Das alles kümmert uns nicht, soll die Regierung sehen, wie sie damit fertig wird, als Opposition können wir da sowieso nichts tun.

      Noch gibt es in Murcia Optimisten. Mitglieder von ANSE betreiben in einem Vorort eine Vogelschutzstation. Zwei- bis dreimal in der Woche behandelt António, unser Tierarzt. unentgeltlich gebrochene Flügel, schient Beine, operiert überfahrene Tiere. An vielen ihrer geflügelten Patienten stellen die Mitarbeiter der Station Verhaltensstörungen fest; Ursachen. soweit überhaupt feststellbar. sind der verstärkte Straßenbau der letzten Jahre, Waldrodungen, Monokulturen, Ausbreitung der Städte und der Bevölkerungsdichte vor allem durch den Tourismus. Für diesen Sommer plant man außerdem. ein Grundstück zu pachten oder zu kaufen, auf dem eine Schutzstation für die in ihrem Bestand gefährdete griechische Landschildkröte errichtet werden soll. die nur noch in Griechenland und hier an der Südostküste Spaniens vorkommt. ANSE gibt sich staatskonform, umgänglich und beantragt jedes Jahr formgerecht ihre staatlichen Zuschüsse.

      Würden sie auch weiter gehen, wenn die ungebremste Umweltzerstörung so fortgesetzt wird wie bisher? Auf unsere Frage, ob sie sich vorstellen könnten, auch an illegalen Aktionen teilzunehmen. wenn sie keinen anderen Weg mehr sähen, eine Katastrophe zu verhindern, sagten viele der ANSE-Mitglieder zu uns: „Ja.“ In unterschiedlicher Intensität wären sie bereit, dann notfalls auch gegen das Gesetz zu handeln.

   Im ZEIT-Interview sagte Felipe González auch noch: „Wie Don Quijote und Sancho Pansa., die ein und diesselbe Person sind, können wir gleichzeitig pragmatisch sein und träumen, gleichzeitig an die Kraft der Vernunft glauben und an die Illusion“.

     Es ist zu hoffen, daß das „tragische Lebensgefühl“ der Spanier noch so lange vorhält, bis ein „ecologista“ in Spanien nicht mehr als Kämpfer gegen Windmühlen und lästiger Wachstumshemmer angesehen wird. Denn ein gemeinsames Europa, in dem einzelne Mitgliedsländer mit lascheren Umweltgesetzen und unkritischerer öffentlichkeit um Investionen werben können, kann nach Seveso, Tschernobyl und dem Robbensterben in der Nordsee gemeinsam nur einer ökologischen Katastrophe näherrücken. Noch baden die Menschen von Cartagena und Umgebung auf ihrem schwarzen Giftstrand und freuen sich über ihre Arbeitsplätze. Wenn aber eines Tages ihr Fisch, ihre Zitronen und Orangen so schwermetallhaltig
sind, daß ihr Verzehr untersagt werden muß, werden auch sie die scheinbaren Segnungen eines Vereinten Wachstums-Europas verfluchen.

 

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