„Wenn der Ölbaum des Friedens wieder blüht“

Zum Ende der Internationalen Brigaden Anfang 1939 (ein Text von mir aus dem Jahr 1989, bisher unveröffentlicht)

„Die Welt wird frei! Ihr habt noch die Gewehre!
Die Welt wird frei! Es liegt in eurer Hand!“
(Erich Weinert)
„Denn unser Sieg befreit die ganze Welt.“
(Lied der XI. Internationalen Brigade)

   Überquert man die französisch-spanische Grenze zwischen Le Perthus und La Jonquera auf der Autobahn Perpignan-Barcelona, so erblickt man zu seiner Rechten ein riesenhaftes, aus Erde aufgeworfenes Monument, pyramidenförmig, mit einer steilen Treppe, die zu einer Gedenkstätte in Form vierer verdrehter rotsandsteinfarbener Säulen führt. Wenige nur werden wohl auf ihrem Weg in spanische Urlaubsparadiese hier anhalten, um den schon von weitem Beschwerlichkeit verheissenden Aufgang hinaufzusteigen und die künstlerische Gerinnung des unbekannten Gedenkanlasses näher zu betrachten. Viele dagegen werden sich flüchtig fragen, welches erschütternde historische Ereignis hier in gigantischer Eindringlichkeit memoriert werden soll.

   „Unsere Chaussee strebt zur französischen Grenze. Wir haben La Junquera hinter uns gelassen, den letzten katalonischen Ort, mit seinen blinden Fensterläden und verschlossenen Häusern, seinen geleerten Magazinen und seinen mit Unrat bedeckten Gehsteigen.. Jetzt haben wir nur noch fünf, sechs Kilometer bis zur Grenze, wo das Wort ‚gewesen‘ seine volle Berechtigung bekommen wird, wir endgültig gewesene Chefs, gewesene Meldegänger und gewesene Bataillonsärzte sein werden.“
Die romantische, noch von keiner autopista durchschnittene Düsterkeit der Pyrenäen, abseits scheinend von aller Aufgewühltheit dieser Welt, bildete vor 50 Jahren die tragische Kulisse für die letzten freien Schritte einer Gemeinschaft von Menschen, die fast zweieinhalb Jahre lang einem unersättlichen, Europa anscheinend Stück für Stück verschlingenwollenden Moloch getrotzt hatten.
Der deutschschreibende jugoslawische Arzt und Journalist Theodor Balk, Bataillonsarzt der 14. Internationalen Brigade, bewegte sich mit diesem geschlagenen Haufen Ausgestoßener in den ersten Tagen des Februar 1939 auf einer der letzten Straßen dahin, die noch zum rasch dahinschmelzenden Territorium der Spanischen Republik gehörten und in kurzer Zeit auch schon dem siegreichen General Franco unterstehen würde. Von denjenigen von ihnen, die das „Wunder von Madrid“ vollbracht hatten, als es ihnen dreimal hintereinander gelungen war, den Einmarsch der Nationalisten in die Stadt zu verhindern, lebte kaum noch einer. Bei Guadalajara im Mai 1937 hatten sie, die Zusammengewürfelten aus 53 verschiedenen Ländern, eine reguläre Expeditionsarmee Mussolinis geschlagen; am Ebro im Sommer 1938 schließlich waren sie ein letztes Mal vorgestossen, bevor die Verteidiger der Republik endgültig vor der geballten Waffenkraft, durch Deutschlands und Italiens Unterstützung geschaffen, zurückweichen mußten.

   „Die französische Grenzburg verschwindet hinter einer Felswand. Abgründe gähnen unter uns, Tannen klettern die Abhänge hinauf, von neuem taucht die Grenzburg auf, in vielen Windungen nähern wir uns der Grenze, dem Finale.“
Schlußszene eines Einsatzes, der im Oktober 1936 so entschlossen und enthusiastisch begonnen hatte. 35.000 bis 40.000 „Freiwillige der Freiheit“ waren aus 53 verschiedenen Ländern zusammengeströmt, um mit der Waffe in der Hand die spanische Republik bei der Verteidigung gegen die „Nationale Erhebung“ eines großen Teils der Armee zu unterstützen. Für die Deutschen, Italiener, Österreicher, Italiener, Ungarn, Polen unter ihnen, zu einem großen Teil Kommunisten, aber auch Sozialisten und Sozialdemokraten, war der Bürgerkrieg in Spanien die erstmalige Gelegenheit gewesen, dem Faschismus offen, nicht mehr machtlos dessen Folterern und Mördern ausgesetzt, entgegenzutreten. Mehr als die Hälfte von ihnen fiel in den erbitterten, blutigen Schlachten.

     Die Internationalen Brigaden waren die „intellektuellsten Truppen der Kriegsgeschichte“.  Andreu Castell, spanischer Historiker, gibt an, daß 45% ihrer Mitglieder Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler, Ärzte und Politiker waren, 44% Freiberufler und Arbeiter sowie 11 % „Abenteurer“. Von letzteren hatten aber die meisten das Schlachtfeld Spanien längst wieder verlassen. Ernest Hemingway, dem der Mut und die ideologische Entschlossenheit der internationalen Kämpfer imponierte, und den die daraus resultierende Härte und Todesverachtung in seinen Männlichkeitsidealen ansprach, schrieb im Sommer 1937 bei seiner Rückkehr nach Spanien über die Männer an der Aragón-Front:
„Die Romantiker haben sich davon gemacht, die Feiglinge waren heimgegangen und mit ihnen die Schwerverwundeten, und freilich auch die Toten waren nicht mehr da. Jene, die zurückgeblieben waren, hatten eingeschwärzte, nüchterne Gesichter. Nach sieben Monaten verstanden sie ihr Handwerk.“

     Schriftsteller aus vielen Ländern hatten aktiv in Spanien gekämpft. Es war für die entschlossenen Antifaschisten unter ihnen die Zeit gewesen, in der man „die Schreibmaschine mit dem Maschinengewehr vertauschen“ mußte (Alfred Kantorowicz). „Wir Schriftsteller an der Front haben die Feder aus der Hand gelegt. Denn wir wollen nicht mehr Geschichte schreiben, sondern Geschichte machen“, hatte Ludwig Renn auf dem 2. Internationalen Schriftstellerkongreß in Madrid 1937 ausgerufen.
Heinrich Mann bedauerte, daß er wegen seines Alters im Schützengraben nur hinderlich sein würde, in dem sonst auch er seinen Platz gesehen hätte.
Der Krieg in Spanien war nicht nur ein Bürgerkrieg. Stellvertretend für den Rest Europas prallten hier die ideologischen Gegensätze der Epoche aufeinander: Faschismus gegen Kommunismus; Faschismus gegen Demokratie, brutale Restauration der alten Kräfte von Großgrundbesitzern, Kirche, reaktionären Militärs und Schwerindustrie gegen aufklärerische Traditionen. England und Frankreich, die einzigen noch vorhandenen bürgerlich-demokratischen Großmächte in Europa, verkannten diesen Entscheidungscharakter des Spanienkrieges. Aus Angst, Europa könne in zwei ideologische Blöcke zwischen nationalsozialistischem Deutschland und kommunistischer Sowjetunion zerfallen (eigentlich längst eine Tatsache), propagierte vor allem England die „Nichteinmischung“; es kam im Effekt einer Unterstützung Francos gleich, weil den kriegsentscheidenden massiven Waffenlieferungen Hitlers und Mussolinis keine für die Republik gegenüberstanden. Selbst bürgerliche Antifaschisten wie Thomas Mann kommentierten dies bitterböse. Seine großbürgerlich-dünkelhafte, degoutierte, aber zutreffende Beschreibung zergeht noch heute auf der Zunge:
„Eine Generals-Emeute, im Dienst der alten Ausbeuter- und Unterdrückungsmächte unternommen und im übrigen mit dem spekulierenden Ausland abgekartet…“

   Ein Kalkül Frankreichs und Englands war, daß Sowjets und Deutsche bald übereinander herfallen, sich dadurch gegenseitig schwächen und die machtpolitische Position der „alten Demokratien“ gegenüber beiden sich entscheidend vergrößern würde. Deshalb kam eine Unterstützung der spanischen Republik gemeinsam mit der Sowjetunion für sie nicht in Frage: Hitler hätte dies übelnehmen können. Zudem bestanden in diesen Ländern natürlich auch heimliche Sympathien für den „Ordnung“ schaffenden Franco. Wirtschaftliche Interessen Englands z.B. an spanischem Eisenerz bevorzugten damals wie heute „stabile“ politische Verhältnisse, die eine Regierung aus Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten in ‚ihren Augen wohl kaum schaffen konnte. Englische Konservative und französische Oppositionelle Rechte sympathisierten teilweise offen mit den Putschisten gegen die Demokratie in Spanien.
Einzig die materielle Unterstützung durch die Sowjetunion hatte der Republik zur Fähigkeit verholfen, in den anwachsenden Materialschlachten fast drei Jahre lang zu widerstehen. Nach und nach zeichnete sich aber eine zunehmende Überlegenheit der Franco-Armee ab, ihr Endsieg wurde absehbar. Nachdem sie im April 1938 mit dem Erreichen des Mittelmeeres das Gebiet der Republik in zwei Teile getrennt und zur Gegenoffensive am Ebro angesetzt hatten, zog die republikanische Regierung von Juan Negrin am 23. September 1938 die 12.000 noch kämpfenden Interbrigadisten von der Front ab. Sie gab sich der illusorischen Hoffnung hin, daß mit dem Abzug der Ausländer, die auf ihrer Seite kämpften, auch Franco vom in London residierenden „Nicht-Einmischungs-Ausschuß“ des Völkerbundes gezwungen werden würde, die deutschen und italienischen Truppen abzuziehen, die als ausländische Kontingente neben seinen marrokanischen Söldnern, Falangisten und navarresischen Requetés für ihn kämpften. Einzige Hoffnung der Republik konnte noch sein, bis zum erwarteten Ausbruch des Weltkrieges durchzuhalten, um so den Bürgerkrieg zu einem Bestandteil der europäischen Auseinandersetzungen zu machen.

   Am 28. Oktober 1938 sprach die „Pasionaria“, stets in schwarzer Trauerkleidung auftretende charismatische Symbolfigur des spanischen Widerstands, bei der Abschiedsparade der Internationalen Brigaden in Barcelona:
„Kameraden der Internationalen Brigaden! Ihr werdet zurückgesandt, aus politischen Gründen, aus Gründen der Staatsräson, um der selben Sache willen, für die ihr mit grenzenloser Bereitschaft euer Leben eingesetzt habt. Manche von euch können nach Hause gehen, manche nur in ein unfreiwilliges Exil. Ihr könnt mit Stolz abziehen. Ihr seid Geschichte geworden. Ihr seid eine Legende geworden. Ihr seid ein heroisches Beispiel der Solidarität und Universalität der Demokratie. Wir werden euch nicht vergessen. Wenn des Ölbaum des Friedens wieder blüht und seine Blätter sich mit dem Lorbeer des Sieges der Republik mischen – dann kommt zurück!“
Es soll das einzige Mal gewesen sein, daß man die unerschütterliche und unerbittliche Dolores Ibarruri in der Öffentlichkeit weinen sah, und auch viele der hartgesottenen Soldaten mußten sich verstohlen die Tränen aus den Augen wischen. 6000 von ihnen konnten bald darauf in ihre Heimatländer zurückkehren, ebensoviele mußten jedoch in ihrem mehr und mehr zusammenschrumpfenden Exilland, das durch ihre tragische Verbundenheit mit ihm ihnen zur zweiten Heimat geworden war, verbleiben. Das nahe Frankreich war nicht bereit, ihnen Asyl zu gewähren. Deutsche, Österreicher, Italiener, Jugoslawen wurden zunächst in grenznahen Demobilisierungslagern stationiert. Mitte Januar 1939 wurden sie doch noch einmal bewaffnet, um den Vormarsch der Franco-Truppen so lange aufzuhalten, bis viele der 500.000 Flüchtlinge und republikanischen Soldaten sicheren französischen Boden erreicht hatten.

   „…Abgründe gähnen unter uns“. Theodor Balk überschritt mit seiner 14. Internationalen Brigade die Internationale Brücke, welche über die spanisch-französische Grenze zwischen La Jonquera und Le Perthus führt. „Großstädtisch gekleidetes Volk: Reporter und Ministerialbeamte, Offiziere und Damen vom Roten Kreuz“ erwarteten sie. In disziplinierter Formation marschierten die Soldaten an ihren obersten Kommissaren Luigi Longo und André Marty vorbei, der seinen legendären Ruhm erworben hatte, als er 1917 eine Rebellion auf einem französischen Kriegsschiff angeführt hatte, um nicht auf meuternde zaristische Matrosen schießen zu müssen.
„….wir sind noch Soldaten. Wir werden auch jenseits der Grenze, auch ohne Uniform und Rangabzeichen noch Soldaten sein,“
So wie Balk verstanden sich viele der internationalen Spanienkämpfer. Eine große Schlacht gegen den Faschismus war in Spanien verloren worden, aber als anachronistische Gesellschaftsform konnte er nicht überleben. Irgendwann einmal, nach hartem Kampf, würde er dem Ansturm des Fortschrittes und der Volksmassen erliegen müssen. Erich Weinert schrieb 1938 in seinem Gedicht „Abzug von der Front“:

„Wir gehn zurück in eine andre Welt
Als Partisanen, nicht als Veteranen.
Wir bleiben weiter unter unseren Fahnen.
Und wo der Feind sich auch entgegenstellt:
Der Kampf geht weiter! Bis die Festung fällt!‘

   Die abziehenden Interbrigadisten waren nur ein verschwindend kleiner Teil der Menschenmassen, die das zusammenbrechende Katalonien verliessen. Eine halbe Million Menschen, zur einen Hälfte Zivilisten, zur anderen Soldaten der republikanischen Volksarmee, überschwemmten in einem der größten Volksexoden der – bisherigen – europäischen Geschichte das französische Department Pyrénées-Orientales, in dem selbst nur 223.000 Menschen lebten. Die Bewohner dieser Grenzregion hatten bisher in trügerischer Friedlichkeit dahingelebt. Weit entfernt, hatte man manchmal das Echo der deutschen Stukas und italienischen Fiat-Bomber gehört, die in Figueras oder dem Grenzort Port-Bou ihre tödlichen Lasten auf die Zivilbevölkerung abgeworfen hatten.

   „Das Drama, dem wir beiwohnen, spielt sich in einer der schönsten Landschaften der Welt ab. Vor uns die bläuliche Linie der Pyrenäen. Zur rechten, ganz weiß von Schnee, das Canigou Massiv. Ein Himmel von klarem Blau, eine Sonne, die alles durchdringt und belebt. Hinter uns fällt das braunrote flache Land, geschmückt mit Bauernhäusern und Baumgruppen, in sanfter Neigung ab bis nach Perpignan. In näherrückenden Abständen kündet uns ein dumpfes Grollen: Man kämpft noch hinter dem entgegengesetzten Abhang. Und jäh, ohne Übergang, treten wir in Kontakt mit den Schrecken des Krieges“, beschrieb der Schriftsteller und Historiker Daniel Guérin die Massenflucht von Menschen vor den christlichen Armeen Francos, die noch am 22. Dezember 1938 den Aufruf des Papstes, zu Weihnachten die Waffen schweigen zu lassen, ignoriert hatten.

   Am 5. Februar 1939 hatten die französischen Behörden die Öffnung der Grenzen ohne Auflagen und Restriktionen verkündet. Zivilisten wie Soldaten durften sich nach Frankreich retten. Die humanitären Traditionen Frankreichs hatten die Oberhand gewonnen über wütende, offen profranquistische Tiraden in Teilen der französischen Presse. „Das ist die Überflutung des Roussillon durch die marxistischen Horden“, schäumte beispielsweise das royalistische Blatt „Le Roussillon“. In diesem Jahr feierte Frankreich schließlich die 150. Wiederkehr des Sturms auf die Bastille. Auch der Druck der starken Kommunistischen Partei Frankreichs und anderer linker Massenorganisationen hatten die sich immerhin noch sozialistisch nennende Regierung gezwungen, die geschlagenen Volksfrontanhänger nach Frankreich einzulassen. Zwar fragte der Journalist P. J. Santes in der rechtsgerichteten Zeitung „L’Action française“, weshalb unschuldige Menschen vor der „Befreiungsarmee“ des späteren Caudillos fliehen sollten. „Bringt General Franco nicht Verzeihung, zusammen mit Brot und Gerechtigkeit?“
Die Zahlen aber derjenigen, die allein in den fünf Tagen nach der Besetzung Barcelonas am 26. Januar getötet wurden, gaben ihm beredte Antwort. 10.000 Menschen wurden von den entfesselten Falangisten mitten auf der Straße und in den Wohnungen bekannter oder denunzierter Republik-Anhänger ermordet. Kriegsgerichte brachten in einer zweiten „Säuberung“ noch einmal 25.000 Soldaten der Volksarmee vor die Erschießungspelotons.

   Abgründe… Vor allem die nichtspanischen Kombattanten spürten die über den das Herz zerreissenden Auszug eines ganzen Volkes hinausgehende größere Tragik der Geschehnisse. Als der Schriftsteller, Ex-Bohemien, Ex-Saarkämpfer und Ex-Kommissar der 12. Internationalen Brigade Gustav Regler, der Ende 1937 nach einer schweren Verwundung vor Huesca Spanien verlassen hatte, in Le Perthus eintraf, fand er die Grenze „belebt wie ein mittelalterliches Bild der Kreuzigung Christi. Überall von den Hügeln stiegen Gruppen von Zivilisten herab. Sie gingen würdig und mit einem sichtbaren Vertrauen in das Schicksal, das sich da mit der bewachten, von Militär wimmelnden Ebene vor ihnen auftat.. .Wie Sterbende oft eine überhelle Heiterkeit haben, so trieben diese Fliehenden im Wind einer Ausgelassenheit, die uns traurig an der Grenze stehenden Freunde verwunderte und noch schwermütiger machte; fühlten sie schon, daß bald ein Dutzend europäischer Völker dieselben Wege ziehen würde?“ Regler glaubte „mit der Überempfindlichkeit des wieder einmal Besiegten den Leichengeruch von übermorgen“ riechen zu können. Kassandrische Prophetie mischte sich mit trauriger Wut über die Blindheit und Sorglosigkeit gegenüber dem nicht einzudämmenden Vormarsch des Faschismus. Theodor Balks Verstand „wagte nicht an jenem Tage das Wort an mich zu richten. Erst am nächsten Tage kroch er wieder hervor und berührte leicht meine Schulter. Mögen sie uns in München auch verkauft haben, sprach er zu mir, mag diesem München auch ein anderes folgen. Einmal werden den Völkern die Augen aufgehen.“ Dem Architekten und Sozialisten Cyprien Lloansi aus Perpignan wurde von den von Frankreich in den entscheidenden Phasen des Krieges Alleingelassenen, nunmehr Besiegten, bedeutet:
„Sie sagten zu uns, mit einer Art von traurigem Tadel in der Stimme: ‚Bald wird die Reihe auch an euch sein’… Ein Jahr später, als Verwundeter in den Ardennen, mußte ich mich an diese prophetischen Worte erinnern. Sie sind es, die recht gehabt haben.“

   Überall an der Grenze, von Le Perthus bis Boulou, Argelés sur Mer, Saint Cyprien hatten sich riesige Volksmassen eingefunden, die ihrerseits den nichtendenwollenden Vorbeizug der heimatlos gemachten neugierig oder mitfühlend, sensationslüstern oder schockiert betrachteten. Viele, die in Frankreich Parteien der Linken angehörten oder anhingen, waren betroffen vom menschlichen Elend und Unglück, das der Faschismus bei ihrem unmittelbaren Nachbarvolk hervorgerufen hatte. Kommunisten, Sozialisten und Anarcho-Syndikalisten bemühten sich um ihre spanischen Genossen; die katalanische Identität, die viele gemeinsam hatten, verstärkte das Gefühl, Brüdern zu helfen.
Aber auch die Franco-Propaganda von den blutrünstigen Roten, welche Priester töteten, zerstückelten und in Metzgereien verkauften, hatte hier eine derartige Wirkung gezeigt, daß einige entsetzt ein Kreuz schlugen oder den vor dem Terror Fliehenden zuriefen: „Die Verbrecher bekommen das, was sie verdienen!“
Durch eine solche, schon nach Hause strebende Menschenmasse mußte sich auch Gustav Regler, als er von Perpignan aus zur Grenze fuhr, einen Weg bahnen. Als ehemaliger Polit-Kommissar wollte er den Resten seiner ehemaligen Brigade seinen letzten Dienst in dieser Funktion erweisen. Nach längerer Suche fand er das zusammengeschrumpfte letzte Häuflein seiner früheren Kameraden nahe einem kleinen Ort in den Bergen. Es war die Gruppe, mit der auch der Organisator der Internationalen Brigaden im zentralspanischen Albacete, André Marty, die Grenze überqueren wollte. Regungslos hatte der größte Teil von ihnen sich in einem Kreis auf dem Boden niedergelassen, während ihnen ungefähr zehn Männer mit schußbereiten Gewehren gegenübersaßen. Zu ihnen gehörte Marty. Aus Angst, er würde sie im letzten Moment noch „mitraillieren“ wollen, waren die Männer, nach geflüstertem Einverständnis, zur Seite ausgebrochen, hatten den Kreis gebildet, um sein Vorhaben zu vereiteln. Bei Reglers Ankunft erhoben sich Marty und seine Gruppe und machten sich daran, nach Frankreich überzutreten.
„Marty wußte, daß sie alle seine korrupte Verwaltung und seine parteilichen Gerichtsverfahren in der Etappenstadt Albacete kannten; sie würden nun schwach werden und in Frankreich Enthüllungen machen; die bürgerliche Presse würde sie bezahlen; man kannte das ja von früheren Fällen her; die Welt war voller Verrat!
Ich bin überzeugt, daß er so naiv dachte, denn ein verfeinertes, gar humanes Denken lag ihm fern.“
Daß man diesem Menschen einen Kameradenmord zutraute, um dem Klassenfeind keine Informationen über Terror und Liquidierungen innerhalb der Internationalen Brigaden zukommen zu lassen, ist verständlich, wenn man den Beinamen des französischen Kommunisten kennt: „Schlächter von Albacete“. 500 internationale Freiwillige sollen seinen Säuberungen der Brigaden von „Trotzkisten“ und  „Konterrevolutionären“ zum Opfer gefallen sein. Als herrisch und aufbrausend beschrieben, ging seine Manie, überall Verrat zu wittern, ein letztes Mal in diesen Tagen mit ihm durch. Österreichische Internationale waren auf ihrem Rückzug von Franco-Truppen vom Rest ihrer Brigade abgeschnitten worden und überschritten daher unabhängig von ihr die Grenze, wo sie den Rest ihrer Einheit wiedertrafen. Da sie ohne Befehl gehandelt hatten, tobte Marty, sie seien Deserteure. Hier wurde er allerdings vom KPD-Vertreter in Spanien, Franz Dahlem, später Kulturminister der DDR, gebremst.
Wieder ohne Gewehre, wieder in einem Gastland, auf dessen Toleranz man angewiesen war. In aller Eile hatte die französische Regierung zahlreiche Lager errichten lassen, in denen die Flüchtlinge erste Aufnahme finden sollten. In Orten wie Argelès oder St. Cyprien, heute idyllische Urlaubsorte an der Côte du Roussillon, waren teilweise nur Teile des Strandes mit Stacheldraht eingezäunt worden. Unter den schikanierenden und demütigenden Antriebsrufen „Allez! Allez hopp!“ der französischen Garde Mobile
wurden die Interbrigadisten in etwas getrieben, dessen Bezeichnung sie bisher nur aus Hitlers Deutschland kannten:
„Plötzlich, auf einem Dorfplatz, entdeckten wir ein großes frisch gemaltes Schild: ‚Au Camp de Concentration!“ Zum Konzentrationslager! Also nicht wie Veteranen eines Freiheitskrieges behandelte uns die französische Regierung, sondern wie Sträflinge, die nach Cayenne verschifft werden! Welch bittere Enttäuschung“, beschrieb Erich Weinert seine empörten Gedanken, als er die unfaßliche Namensgleichheit sah.
Es war ein anderer Empfang, als ihn die Spanienkämpfer vom demokratischen Frankreich erhofft hatten. Oft hatten sie in Spanien über die Regierung Blum und ihre „famose Non-Intervention“ geschimpft, wenn sie in ihren Schützengräben den endlosen Angriffen deutscher und italienischer Flugzeuge und unaufhörlichem, aus gut gefüllten Munitionslagern gespeistem Artilleriefeuer ausgesetzt waren, denen sie weniger und weniger entgegenzusetzen hatten. Aber: „Wir dachten ohne Illusionen den Boden dieses nachmünchener Frankreichs zu betreten. Ach, wir waren voller Illusionen. Voller Illusionen waren wir“, seufzte Theodor Balk, nachdem ihm ein französischer Offizier prophezeit hatte, jetzt sei Schluß mit „eurer selbstherrlichen roten Anarchie, endgültig Schluß“.
Noch immer hoffte dieses Frankreich, Hitler sei – wo ihm jetzt auch noch Spanien gehörte – gesättigt in seinem Hunger nach immer neuen Erweiterungen seines Reiches. Mehr Angst hatten selbst linksbürgerliche Politiker vor dem Kommunismus. „Lieber Hitler als die Volksfront!“ war Motto der Rechten in ihrer Außenpolitik und auch gegenüber den Flüchtlingen aus der Spanischen Republik. Der pro-franquistische Abgeordnete der Nationalversammlung Jean
Ybarnegaray verstieg sich sogar zu dem Vorschlag, man solle „all diese Leute in uralte Schiffe stecken und auf hoher See verschwinden lassen“. Pathologische Vernichtungsphantasien, schreckliches Merkmal des aufstrebenden Faschismus, hatten also auch schon einige französische Politiker infiziert.

    Am 9. Februar 1939 schloß Frankreich die Grenze wieder. Die 11. Internationale Brigade mußte in Cérbère erst lange verhandeln, bis
man sie noch hinüberließ. Am gleichen Tag erreichten die franquistischen Truppen des General Solchaga die Grenze. Der Katalonienfeldzug war für sie erfolgreich abgeschlossen. Einen Tag später begab sich der französische General Falgade nach Le Perthus, um Solchaga zu begrüssen. Umgeben von Journalisten und Politnotabeln, in freundschaftlicher und ausgelassener Atmosphäre, tauschte man militärische Grüsse und Zigaretten aus; kein Befremden stellte sich bei den Söhnen Mariannes ein, als sie den Faschistengruß sahen und die Spanier die falangistische Hymne Cara al sol sangen. Frankreich war jetzt von drei faschistischen Mächten umkreist: Deutschland, Italien und Spanien.
Für die internierten Angehörigen der Internationalen Brigaden begann nun eine neue Probe auf ihre Haltung zum antifaschistischen Kampf. Manche gaben auf, resignierten vor dem, was sie an der kommunistischen Strategie für mittlerweile nicht mehr tragbar hielten. Gustav Regler, Arthur Koestler, Willi Münzenberg (der frühere „Rote Hugenberg“) entfremdeten sich der Partei.
Für eine große Zahl von ihnen war jedoch die Gefangenschaft in französischen Lagern eine Phase der Niederlage in ihrem Widerstand, die mit der gleichen Disziplin durchgestanden sein wollte wieder vorherige bewaffnete Kampf.
„Die Spanienkämpfer waren standhaft und kampferprobt und auch unter ungünstigen politischen und materiellen Bedingungen der Bourgeoisie moralisch überlegen“, meint die DDR-Autorin
Sibylle Hinze in ihrer 1988 erschienen Abhandlung „Antifaschisten im Camp Le Vernet“. Kaum in den Lagern angekommen, wählten sie Sprecher für die verschiedenen Nationalitäten. Zellen wurden organisiert, fehlende sanitäre Anlagen in Eigeninitiative eingerichtet, Schulungskurse und Dichterlesungen abgehalten. Es bestanden Kontakte zur französischen KP, mit deren Hilfe Mißhandlungen durch die Wachmannschaften öffentlich gemacht werden und so abgestellt werden konnten. So hielten sie ihre Kraft, durchzuhalten, aufrecht und allen Verlockungen stand, denen sie z.B. durch das Angebot, die Freiheit durch den freiwilligen Eintritt in die Fremdenlegion zu erhalten, ausgesetzt waren.
Wenn sie es nicht geschafft hatten, freigelassen zu werden und in ein anderes, neutrales Land auszureisen, so begann die letzte und schlimmste Phase ihres Exils in Frankreich nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages am 23. August 1939 und dem Ausbruch des Weltkrieges. Als „unerwünschte Ausländer“ wurden sie, makabrerweise zusammen mit in Frankreich verhafteten deutschen Nazis, die ersten und auf lange Zeit auch einzigen Kriegsgefangenen der französischen Republik. Die Vichy-Regierung lieferte später viele von ihnen zur Weiterleitung in deutsche KZ’s und italienische Gefängnisse aus, wer fliehen konnte, schloß sich der Resistance an.

   Zwischen 1974 und 1976 errichtete Ricardo Bofill sein Monument „El Parque de la Marca Hispanica“ in Le Perthus. Seine Architektur
will auch immer den „genius loci“ einer Landschaft gestalten. So mag es, obwohl es der Erinnerung an den katalanischen Nationalhelden Wilfred den Behaarten gewidmet ist, dem in Sekundenschnelle auf der Autobahn vorbeieilenden auch ein flüchtiges Gefühl dafür vermitteln, daß vor 50 Jahren in dieser friedlichen Gebirgslandschaft das gesamteuropäische Drama der Entwurzelung und Vertreibung seinen Anfang nahm.

 

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