Nervengift für Spaßmacher*innen: Das Paprika-Schnitzel

Als hätten wir uns 2020 nicht mit dem rassistischen Mord an George Floyd befassen müssen; und mit den rassistischen Morden an neun Menschen in Hanau; und als hätte es nicht 2019 den Versuch eines rassistischen Mörders gegeben, über 50 jüdische Menschen zu ermorden, die sich in Halle in ihrer Synagoge versammelt hatten, um Jom Kippur zu feiern; und als wäre es nicht in den Öffentlich-Rechtlichen Medien (für die ich auch arbeite) und in den vielen, vielen seriösen Tages- und Wochenzeitungen, Zeitschriften, Online-Medien mittlerweile klar, dass Rassismus ein viel zu oft tödliches und strukurell menschenfeindliches Phänomen in Deutschland ist, kann sich plötzlich im Öffentlich-Rechtlichen WDR-Fernsehen eine Runde erschreckend flacher Spaßmacher*innen versammeln und alles mit einer tumben, stupiden, ignoranten und doch abstoßend von sich selbst und seiner/ihrer volksverbundenen Schläue überzeugten Genervtheit wieder auf einen Stand zusammenschnurren lassen, als hätten wir gerade 1959 oder 1967 oder jedenfalls ganz lange her.

„Was dürfen wir jetzt sagen?“ fragen die Comedians, die diese Debatten in den letzten Jahren zwar mitbekommen haben müssen, sie aber wahrscheinlich einfach uninteressant und eben „nervig“ fanden und deshalb immer noch nicht die Antwort darauf kennen, warum man etwa ein in einer Paprikasauce serviertes Schnitzel nicht mehr „Zi……-Schnitzel“ nennen sollte. Hier dafür noch einmal ein Grund, den offenbar diejenigen brauchen, die noch nie (weil zu „nervig“ und „uncool“) etwas von der Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma durch die Nazis gehört haben; und die auch nicht, wenn sie von der jahrhundertelangen Herabwürdigung und abschätzigen Behandlung dieser Menschen gehört haben, von sich aus auf die Idee gekommen sind, ihnen sprachlich Respekt zu erweisen:


„Das Zi….schnitzel ist ab sofort gestrichen von der Speisekarte“, hört man Bettina Böttinger am Ende sagen. Offenbar nicht das letzte Wort im WDR dazu: Die höchstrichterliche Entscheidung im WDR wird „mit großem Herz und großer Klappe“ in der munteren, lockeren Plappersendung „Die letzte Instanz“ verkündet, in der weiße, von wirklich rassistischer Ausgrenzung sicherlich noch nie betroffene Menschen feststellen, dass die davon betroffenen das alles nicht so schlimm finden. Nur der „Zentralrat der Sinti und Roma“ stellt eben fest, wie Moderator Steffen Hallaschka mit ironischer Intonation zitiert: „Der Begriff ‚Zigeuner‘ ist eine mit Klischees überladene Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die von den meisten Angehörigen der Minderheit als diskriminierend abgelehnt wird: so haben sich die Sinti und Roma nämlich niemals selbst genannt. Haben die kein Recht darauf, selber zu entscheiden, wie sie genannt werden wollten?“.

Als das Wort „Zentralrat“ fällt, gibt es ein „wissendes“, überhebliches „Jaja,“, aus der Runde. So ein Zentralrat, es gibt da ja noch zwei andere, muss natürlich immer auf den Wecker fallen mit seinem Gemahne. Von dem der Juden und dem der Muslime kennen wir das ja schon, das kommt immer mal in den Nachrichten, hören wir halt nicht richtig zu, aber jetzt auch noch DIESER Zentralrat? Ist das überhaupt ein richtiger Zentralrat, da sieht man doch nie einen von bei Anne Will und so? Echt, nee, irgendwo ist dann auch mal Schluss!

„Doch, sicherlich“, bemüht sich Janina Kunze erstmal um ein wenig vorgetäuschte Achtsamkeit, und räumt scheinbar generös ein, „wenn denen was nicht passt: wir können ja Dinge ändern, das ist in Ordnung“, um dann ihre Notlüge im weiteren sofort zu dementieren: „Aber ich finde, da sitzen wahrscheinlich zwei, drei Leute, ich sag das jetzt echt mal so lapidar dahin, die haben vielleicht auch nichts besseres zu tun und fangen damit, in meiner Welt: Quatsch an! Es tut mir leid (tut es ihr nicht), ich möchte auch niemandem zu nahe treten (tut sie aber), aber ich find’s nervig!“

(„Die“, „denen“ was nicht passt, denen sie „meine Welt“ entgegensetzt, sitzen nicht dabei, als ihre Gefühle und Wünsche wegen Janine Kunzes Genervtheit als „Quatsch“ hinweggewischt werden. Diese Weißen, die so herablassend über Menschen reden, die für sie nicht dazugehören, würden sich wahrscheinlich nicht trauen, ihren herablassenden Spott herauszublödeln, wenn irgendwo anders über den Holocaust oder über Anschläge auf Moscheen oder den Mord an George Floyd diskutiert würde,  und schwarze Menschen oder Vertreter eines Zentralrates säßen dabei. Der Republik würde dadurch keine „notwendige Debatte“ fehlen, im Gegenteil)

Ein Zentralrat, das ist so ein Gremium, das fängt, weil es nicht anderes zu tun hat, „Quatsch“ an, brauchts‘ das überhaupt?

Darüber wird dann aber nicht letztinstanzlich geurteilt. Der Moderator erbittet nur die „Stimme des Volkes“ im Studio: Ist eine Umbenennung des „Zi-…Schnitzels“ notwendig (grüne Tafel hochhalten) oder nicht (rote Tafel hochhalten)?.

Außer einer einzigen grünen Karte entscheidet das Volk aus Corona-ausgedünnten Düsseldorfer Studiogästen und dauergutgelaunten Comedians (warum sind die eigentlich nicht in ihrem viel besser passenden Humor-Biotop bei RTL, Pro7 oder so?): Nein, ist nicht notwendig! Sorry, ihr nervigen Sinti und Roma mit Eurem Nichtstuer-Zentralrat: Da müsst ihr jetzt durch. Ist eben so, hier hat nuhr Volkes Stimme mal ganz authentisch entschieden!

Apropos „nuhr“: Wie beschämend ist das denn insgesamt, dass in ARD-Programmen Leute stolz mit ihrer Unwissenheit, Unbelesenheit und ihrem Unwillen prahlen, sich über das, was nur BIPoc-Menschen erfahren müssen, sachkundig zu machen? Dieter Nuhr spricht ein vernichtendes Urteil über ein Buch von Alice Hasters, von dem er nur den Buchdeckel gesehen hat („Was weiße Menschen nicht über Rassismus wissen wollen aber wissen sollten„) Ähnlich erbärmlich ist das Wissen der Beisenherze, Milskis, Kunzes und Gottschalks über die Gründe, warum Ablehnung von Fremdbezeichnungen für Sinti und Roma nicht einfach ein bisschen Sprachkosmetik einfordert; über die Geschichte der Sinti und Roma, und über den Genozid an ihnen durch die Nazis.

Und manch*e WDR-Mitarbeiter*in; und manch*e Mitarbeiter*in anderer Öffentlich-Rechtlicher Sender sitzen ohnmächtig vor Wut und Enttäuschung vor dem Bildschirm ob solcher unsensiblen, pseudo-jovialen Flachwitzemacher*innen auf dem Bildschirm: Wie oft haben wir in den letzten Jahren in Redaktionskonferenzen, Workshops, erregten Debatten in der Kantine darüber nachgedacht, gestritten und manche guten Ideen gehabt und Vorsätze gefasst, dass wir in unserem Sendungen nicht mehr ÜBER „die“ reden wollten, sondern MIT ihnen. Nein: Wir wollten endlich verinnerlichen, dass wir nicht über „DIE“ und „UNS“ reden. Und wir haben solche Sendungen auch schon oft gemacht. Und NATÜRLICH immer die „Betroffenen“ zu Wort kommen lassen. Wie kann man als Journalist auch anders denken, wie kann man das vergessen? So wie in unseren Sendern hat sich auch in der gesamten Gesellschaft das Wissen über „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ stark erhöht. Deren Charakter, deren Hintergründe, deren Auswirkungen; auch der umstrittenen Aspekte. So optimistisch sehe ich das: hoffentlich nicht zu blauäugig. Und dann kommt uns diese rein weiße Talkrunde auf niedrigstem „Darf man das nicht mehr sagen?“-Schwurbel-Niveau dazwischen, als sei es egal, was wir als journalistisches oder als Unterhaltungsprodukt unter unserem guten Sendernamen veröffentlichen.

Die, die so dummstolz ihr Unwissen und ihren Empathiemangel einem möglichen Millionenpublikum präsentiert haben, sollten sich was schämen! Als ob Witzischkeit immer mit Unbildung des Herzens und des Wissens inklusive unbegründeter Überheblichkeit einhergehen müsste.

„Bei uns hat sich keiner entschuldigt“ – Amalie Gutermuth aus Fulda überlebte Auschwitz

PS.: Blauäugig ist man wahrscheinlich bei diesem Thema immer, wenn man zu optimistisch ist:

PPS: Und immerhin: Einer schämt sich dann doch:

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