„Der Wein, dass ich genese, reift nicht, zerstört längst vor der Lese …“

Mitternachtsbrief X
(Marseille, Silvester 1940/41, in memoriam)

Die SA demonstrierte vor dem Theater gegen sein Stück „Der Kaufmann von Berlin“, Josef Goebbels hetzte gegen ihn und wünschte ihn im Nazi-Blatt „Angriff“ „An den Galgen“. Seine Bücher wurden am 10. Mai 1933 verbrannt. Er konnte vor den Nazis nach Frankreich und 1941 in die USA fliehen, bevor er Nazi-Deutschland ausgeliefert werden konnte. Viele andere Schriftsteller, denen das verbrecherische Hitler-Regime nach dem Leben trachtete, überlebten es nicht, auch wenn sie es ins Exil geschafft hatten. Erich Mühsam, Carl von Ossietzky, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Ödon von Horvath, Ernst Weiss, Josef Roth, Theodor Lessing, Walter Hasenclever. Viele von ihnen hatten Selbstmord begangen. In der Silvesternacht 1940/41 – vor 80 Jahren – schrieb er ein bitteres Gedicht in Erinnerung an all diese Menschen und Gefährten im Kampf gegen die kriminellen „Hunnen“, die ganz Europa mit Krieg überzogen hatten. Dieses empathische Gedicht handelte in endloser Trauer vom „Jahrgang bester deutscher Reben“ , der „vor der Ernte so sein Leben“ ließ. Er deklamierte es Jahrzehnte später selber noch einmal, in Erinnerung an diese schrecklich einsame Silvesternacht im Exil. Die wütende und wehmütige Trauer, hinter der die Wut und der Abscheu gegen die schuldigen Verbrecher mehr als nur leise durchklingt, über den Tod dieser Besten ist für mich – ich glaube – das bewegendste Gedicht, das ich je gehört habe. Ich hatte es immer in Erinnerung, nachdem ich es vor Jahren mal in einem Radio-Feature gehört hatte, und jetzt habe ich den „Mitternachtsbrief X“ von Walter Mehring einfach auf Youtube gefunden.

Text: http://www.lawrenceglatz.com/germ3230/texte/mehring1.htm
http://walter-mehring.info/

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