Von „gierigen“ und „wahnsinnigen“ Griechen – Journalismus kann sehr dunkel und eklig sein…

Ein „Zwischenruf“ von mir heute vormittag in „hr-info“.

Ich muss sagen: ich  (selber ja Journalist) fühle mich zunehmend unwohl, wenn ich die Zeitung aufschlage oder im Internet Kommentare zu Griechenland lese.

Manche haben da, finde ich, in den letzten Tagen den Pfad der journalistischen Tugend mutwillig verlassen.
Jan Fleischhauer zum Beispiel hat bei Spiegel Online geschrieben, er halte Alexis Tsipras und Finanzminister Varoufakis mittlerweile für einen Fall für den Psychiater. Alles deute darauf hin, meint Fleischhauer, „dass Tsipras und seine Leute ihren Wahn nicht mehr unter Kontrolle haben“.
Ich finde, hier müssen wir alle mal einen Moment innehalten und uns fragen, was da eigentlich passiert: Ein wichtiges, vielgelesenes Medium, „Spiegel Online“, erklärt, ohne es selbst so recht zu glauben, Politiker kurzerhand zu Geisteskranken. Einfach mal so, weil es viele Klicks im Internet gibt. Vor zwei Wochen schon hat die „Bild“-Zeitung eine abscheuliche Kampagne gestartet. Für sie sind „die Griechen“ ausnahmslos „die gierigen Griechen“, die „keine weiteren Milliarden“ mehr bekommen sollten.
Natürlich darf und muss man Politiker kritisieren, auch scharf. Wenn griechische Politiker jetzt meinen, auch Deutschland habe noch Schulden bei Griechenland, darf man das als Ablenkungsmanöver bezeichnen. Aber diese Retourkutschen aus Athen sind doch nur ein Zeichen der Schwäche dieses Landes. Wenn man griechische Politiker plötzlich als Verrückte bezeichnet, wenn man elf Millionen Griechen, von denen viele unter der Sparpolitik stöhnen und ächzen,. einfach mal pauschal als „gierig“ diffamiert, dann geht da gehörig was schief, dann geht die Sachlichkeit verloren, und das ist in diesem Fall brandgefährlich!
Doch es scheint manchen Spaß zu machen, zu zündeln. Tsipras und Varoufakis seien arrogant und müssten in ihre Schranken verwiesen werden. So als sei der Wirtschaftsprofessor und Buchautor Varoufakis ein geistig minderbemittelter Halbstarker.  Deutschland müsse hart bleiben, Athen dürfe „nicht als Sieger vom Platz gehen“, lese ich heute in der Zeitung „Die Welt“. So als seien wir in einem Fussballspiel Europa gegen Griechenland.
Aber: Was wird dann, wenn wir Alexis Tsipras und seine Regierung vor ihren Wählern genügend gedemütigt haben, mit 18 zu Null?
Bei der nächsten Wahl werden die Griechen dann auch Syriza das Vertrauen entziehen. Und dann? Von vielen Griechen höre ich munkeln, dann kämen die Faschisten der „Goldenen Morgenröte“ an die Macht. Oder: Man hört , hinter vorgehaltener Hand, schon Stimmen aus der Berliner Politik, die es sogar für möglich halten, dass es einen Militärputsch in Athen geben könnte.
Von diesen Gefahren lese und höre ich eigentlich so gut wie nie etwas in einem Kommentar.

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