Nichts ist gut im Irak – eine schlechte Zeit für naive Friedensliebe

Immer dann, wenn sich alle einig sind im Abscheu über einen besonders brutalen Massenmörder auf der Kriegsbühne, kommt eine gewisse Häme gegen die auf, die warnen, dass trotz allem Waffeneinsatz immer was falsches ist, und dass es keinen „gerechten Krieg“ gibt.

So ist jetzt natürlich für Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer der Zeitpunkt besonders geeignet, sich die naive Waffengegnerin und Pazifistin Margot Käßmann vorzunehmen:

„Es sind amerikanische Soldaten, die jetzt den Jesiden zu Hilfe kommen. Es sind amerikanische Kampfflugzeuge, die Stellungen der islamischen Gotteskrieger unter Beschuss nehmen, und amerikanische Waffen, die an die bedrängten Kurden geliefert werden. Wir spotten gerne über die Amerikaner, die angeblich keine Ahnung von der Welt haben. Aber Weltläufigkeit erschöpft sich nicht in häufigen Urlaubsreisen ins Ausland. Die Hälfte der US-Bürger mag nicht einmal einen Reisepass besitzen, dafür verstehen sie etwas von der vielfältigen Natur des Menschen“.

Wie gut, dass die Amerikaner solche Waffen vorhalten und auch gegen IS einsetzen:  wer wollte da heute Fleischhauer widersprechen. Wenn es nach der naiven Frau Käßmann ginge, hätten wir nichts, um die Massenmörder der IS aufzuhalten.

Muss man aber nicht auch die durchaus komplizierten und umstrittenen Prozesse betrachten, die durch so ein unbekümmertes, „Ahnung von der Welt“ habendes Verhalten ausgelöst wurden, und dafür Verantwortliche mit mindestens der gleichen Abscheu benennen, die man für Margot Käßmann bezeugt?

Wären Amerikaner und Briten nicht im Irak einmarschiert, hätte es keinen jahrelangen Bürgerkrieg gegeben, hätte es nicht über 100.000 Tote gegeben, hätten sich nicht Schiiten, Al-Kaida, Sunniten in verschiedensten Fraktionen militärisch bekämpft, hätten sich nicht Ex-Saddam-Offiziere mit radikalsten Islamisten zusammengetan, um jetzt so eine furchterregende IS-Truppe auf die Beine zu stellen…. Ich weiss, das ist keine beweisbare Kette. Und dann wäre stattdessen heute wohl noch der Schlächter Saddam an der Macht oder seine furchtbaren Söhne. Andere Menschen wären ermordet worden. Aber vielleicht hätte es ohne den Irakkrieg in der Summe weniger Gewalt gegeben, und vielleicht hätten die Sanktionen und die erfolgreiche Tätigkeit der UN-Kontrolleure im Laufe der Jahre doch das Land friedlich gehalten, das Regime von Gräueltaten abgeschreckt und vielleicht irgendwann einen sanfteren Übergang zu einer zivilisierteren Republik bewirkt .

Natürlich: „Hätte, hätte, Fahrradkette!“. Das Geschehene ist nicht rückgängig zu machen. Und gegen die islamistischen Gotteskrieger müssen wir dennoch heute vorgehen. Aber der Hinweis auf Ursachen für grauenhafte Zustände in unserer Welt, die länger zurückliegen, muss immer wieder nicht nur erlaubt sein, sondern ist  notwendig.

Denn den heute „gerechten Krieg“ bräuchten wir wohl nicht zu führen, wären die USA und ihre willigen Freunde nicht in den Irak einmarschiert. („All das, was wir da jetzt erleben, ist ja nicht vom Himmel gefallen“, sagte heute SPD-Chef und Bundeswirtschaftsminister  Sigmar Gabriel; und deshalb hätten die Amerikaner auch eine „besondere Verantwortung“ für das, was derzeit im Irak passiert)

Das Böse wird nicht einfach aus sich selbst heraus plötzlich so stark. Dass amerikanische und westliche Politik (ebenso wie sowjetische oder chinesische oder indische) sich immer wieder mal mit dem Bösen verbünden und es stärker machen (Bin-Ladens Terroristen waren im Kampf gegen die Sowjets für uns noch „Freiheitskämpfer“, Saddam Hussein war in den achtzigern noch „our bad guy“, das Giftgas für seine Morde an Kurden und Iranern bekam er aus Europa und den USA) – das müsste uns doch eigentlich allen noch vertraut sein.

Vielleicht sind Sätze wie „Waffen sind immer schlecht“, oder „es gibt keinen gerechten Krieg“ wirklich zu naiv und wirklichkeitsfremd.

Aber wer solche Pazifisten wegen Naivität verspottet: Der ist umso mehr in der moralischen Pflicht, zu erklären, was er stattdessen gegen die unbestreitbare Gewaltspirale tun will, die zu immer mehr Gewalt führt.

Sind die „Pazifisten“, die damals gegen den Irakkrieg waren, schuld an der starken IS-Terrortruppe oder die, die den brutalen Krieg in den Irak gebracht haben? Die Pazifistin ist natürlich in der schwächeren Position: Sie fordert immer klagend den Frieden ein: Mal, wenn ein Kriegstreiber wie George W. Bush in die Schlacht zieht, und mal, wenn dessen Ex-Feinde plötzlich wieder stärker und immer mörderischer werden. Die US-Armee dagegen kann sich heute rühmen, den IS-Vormarsch aufzuhalten, den es aber vielleicht gar nicht gäbe, hätte die US-Armee 2003 nicht federführend mit die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sie heute gegen das Böse bomben muss.

Ein Gedanke zu „Nichts ist gut im Irak – eine schlechte Zeit für naive Friedensliebe

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