Beseitigen, vernichten, elimieren: Wird die Sprache des Unmenschen wieder salonfähig?

„Sprache ist mehr als Blut“ zitiert Victor Klemperer Franz Rosenzweig am Anfang seiner Untersuchung „LTI – Notizbuch eines Philologen“, in dem er die Sprache des Dritten Reiches untersuchte – als noch kurz vorher durch dieses Regime verfolgter erstellte er darin so etwas wie ein „Wörterbuch des Unmenschen“.

„Kiew, den 06. Mai /Ukrinform/. Im Zuge des Antiterroreinsatzes in Slowjansk wurden am Montag nach Einschätzung der ukrainischen Streitkräfte mehr als 30 Terroristen beseitigt“.

Ich glaubte zunächst, diese Meldung Anfang Mai auf der Webseite der ukrainischen Agentur Ukrinfom sei vielleicht nur der schlechten Übersetzung geschuldet, denn offensichtlich beschäftigte die Agentur keinen, der die deutsche Sprache einigermaßen beherrschte. Kann es sein, dass für Ukrainer das Töten eines Gegners oder Feindes, dadurch, dass er sprachlich zum „Terroristen“ degradiert wird,  nicht nur hinnehmbar wird, sondern dies sogar zu begrüßen ist? Wenn man etwas beseitigt, entledigt man sich doch einer schlimmen Sache und atmet danach erleichtert auf.

Aber vielleicht war es nicht so gemeint, vielleicht interpretierte ich über? Doch zwei Monate später sagte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, als er über den Kampf gegen die russischen Separatisten sprach:

„Wir müssen zusammenstehen, denn wir kämpfen darum, unser Land von Schmutz und Parasiten zu befreien“.

Muss man wirklich noch erklären, was das erschreckende an so einer Sprache ist? Dass Menschen sprachlich zu „Parasiten“ gemacht werden, deren Vertilgung dann denkbar und moralisch vertretbar wird? Die man dann eben einfach mal „beseitigt“?

Nein, es darf nicht sein, dass man das noch erklären muss. Als Ende der 70er Jahre Franz-Josef Strauß meinte: „Man führt mit Ratten und Schmeißfliegen keine Prozesse“, schlug ihm immerhin noch ein Entrüstungssturm entgegen. Seitdem achten wir doch bei uns normalerweise darauf, auch schlimmste Verbrecher nicht zu Untermenschen zu machen.

Nachdem die Nazis dies ja einige Jahrzehnte vorher getan hatten: aus Juden, Sinti & Roma, anderen „Nichtariern“ oder aus Behinderten Untermenschen zu machen, die dann per Schädlingsvertilgungsmittel beseitigt werden durften: Das Wort „Untermensch“ war eben nicht einfach nur dahingesagt, es war nicht „nur“ ein Wort: Es bereitete exakt und folgerichtig das grausame Verbrechen vor, das dann folgte.

Sprache ist nicht unbedeutend, ohne Sinn, ohne Verstand. Sprache spiegelt das wieder, was im Sprecher vorgeht, was er plant, was er tun will; wie er sich zu dem verhält, was er tut. Ein Soldat, der sich schwersten Herzens gezwungen sieht, einen Mitmenschen zu töten, weil er noch schlimmeres verhindern will, wird nicht eiskalt sagen: „Diesen Schmutz habe ich beseitigt“.

Sprache bereitet das vor, was später irgendwann mal wirklich getan wird. Sprache, mal hasserfüllt, mal eiskalt die Lebensberechtigung absprechend, baut die Hemmungen ab, bevor man zur Tat schreitet.IDF-Blog2014aug07

Erschreckend empathielos ist auch die Sprache israelischer Offizieller, wenn sie über die von ihrer Armee getöteten Feinde berichten: Führende Terroristen werden da nicht getötet, sondern „eliminiert“ („to eliminate“ bedeutet im Englischen das Gleiche wie im Deutschen, „beseitigen“, „ausmerzen“, oder „löschen“). In den sechziger Jahren mal schrieb Ephraim Kishon, dass in Israel die Soldaten  über jeden Feind weinten, den sie getötet hätten.  Wenn das je so war – diese Zeit ist wohl lange vorbei. Über „eliminierte“ Feinde weint man nicht.

Nirgendwo aber ist wohl das unbekümmerte, hasserfüllte und irgendwo doch schon fast gewohnheitsmäßige Abwerten von Menschen zu zu eliminierendem „Ungeziefer“ konzentrierter und häufiger als bei islamistischen Hasspredigern im Libanon, Palästina, Ägypten und anderen arabischen Staaten. Da werden die Juden zu „Bakterien“, die vernichtet werden müssen. „Sie sind keine menschlichen Wesen“, sagte der Vizeminister der Hamas für die religiösen Stiftungen; der palästinensische Prediger Wael Al-Zarrad sagte im Fernsehsender Al-Aqsa „Unser Blutrache gegen sie kann für uns Muslime nur durch ihre Vernichtung befriedigt werden“.

Einstweilen schaffen es die islamistischen Israel-Hasser nicht, ihren Wunsch nach einem Massenmord an den Juden in Israel zu verwirklichen. Aber die allgegenwärtige Hasssprache in vielen arabischen Medien ist mit Sicherheit ein Grund dafür, dass das Morden und Abschlachten in Syrien, im Libanon und im Irak immer intensiver und gnadenloser wird. Hemmschwellen, die es sicher auch hier gab und noch gibt, sind immer mehr abgebaut worden. Die Massenmorde des „Islamischen Staates“ IS und vieler anderer islamistischer Gruppen zeigen das. Ungezählte Videos bei Youtube aus den Bürgerkriegen dieser Region beweisen das kaum euphorische, sondern erschreckend alltäglich gewordene Vergnügen am Auslöschen von Leben. Begleitet von routinierten „Gott ist groß“-Rufen, Wie diese Gemetzel gottgefällig sein können, das fragen sich die Kämpfer nicht eine Sekunde lang.

Ein Satz von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld aus dem Jahr 2005 ist mir im Gedächtnis geblieben – weil ich es auch damals nicht fassen konnte, dass der Verteidigungsminister eines demokratischen, westlichen, freien Rechtsstaates so skrupel- und gefühllos über das Töten reden konnte. Er erregte sich über die Türkei, die den USA und deren Alliierten nicht erlaubt hatte, bei ihrer Invasion des Irak auch von Norden her, von der Türkei aus, einzudringen: „„Wir konnten deshalb nicht genug Feinde töten und die Sunniten haben nicht die ganze Macht der US-Armee zu spüren bekommen.“ „Nicht genug Feinde töten“ – ein schockierender Satz, von einem moralisch verkommenen Menschen. Das Leben anderer, fremdartiger, fernab lebender Menschen ist kaum etwas wert. Das Beenden dieser minderwertigen Leben durch seine Soldaten ist 2003 für Rumsfeld nicht umfangreich genug gewesen. Das Kriegshandwerk prägt die Sprache dessen, der es ausübt und verrät seinen moralischen Niedergang.

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