Greta Thunberg und die Klimastreiks: Streit jetzt auf akademischem Niveau!

„“Sehr guter Artikel auf hohen intellektuellen Niveau“, lobt ein Leser Liane Bednarz‘ „Liberal-Konservative Notizen“ zum Thema „Wie Greta & Co. den Neuen Rechten nützen„. Das zitiert sie auch auf ihrer Facebook-Seite, auf der sie ihren Blogbeitrag verlinkt. Um das regelrecht akademische Niveau zu belegen, weist sie zudem darauf hin, dass „Geschichte der Gegenwart“, der Blog „renommierter Schweizer Professoren“, sie zum Ausbau des Themas eingeladen habe.

So vorbereitet, muss man sich also schon einmal mit einer gewissen ehrfürchtigen Vorsicht ans Lesen machen – „Bitte nicht gleich in die Luft gehen“ bittet sie mich als Leser sicherheitshalber noch einmal zu Beginn.

„Mir macht diese Hysterie und blinde Bewunderung und Befürwortung der auf mindestens Monate angelegten Schulpflichtverletzung langsam ernsthaft Sorgen“, hatte Liane Bednarz vorher auf Facebook geschrieben. Es sei für sie eine „geschichtsblinde Anmaßung“, „Greta Thunbergs Aufruf zum Schulfernbleiben in eine Liga mit Martin Luther Kings Kampf in den USA der damaligen Zeit gegen die manifeste Unterdrückung der Farbigen“ zu rücken.

Das hatte dort eine lebendige Diskussion mit über 250 Kommentaren ausgelöst.

Die einen bezweifelten die Motivation und ihre Ernsthaftigkeit der blaumachenden Schülerinnen und Schüler. Sind das nicht nur Kiddies, die heute Greta Thunberg, schon morgen wieder einem anderen Idol hinterherlaufen? Schließlich machen die ja mit ihren Eltern sicher auch mehrere Flugreisen. Oder Kreuzfahrten.

Viele andere aber sahen es ganz anders. Einem, Sven Häberle, kommt es so vor, „als blicken wir bildlich gesprochen alle auf ein Haus, das brennt, und Frau Bednarz ereifert sich aber mehr darüber, dass direkt daneben ein Auto im eingeschränkten Halteverbot steht!“

Wochendlektüre: Klimawandel ist wichtig, aber so nutzt es nur den Neuen Rechten!

Jetzt, „als Wochenendlektüre“, hat Liane Bednarz daraufhin noch einmal per Blog eine ausgiebigere Argumentation vorgelegt:

Aufforderungsgemäß bin ich auch nicht gleich in die Luft gegangen, sondern habe gelesen:

Die Neue Rechte hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt Aktions- und Protestformen wie Blockaden und Besetzungen angeeignet. Gegen Flüchtlingsheime etwa, oder gegen einen Bus mit Flüchtlingen wie 2016 in Clausnitz in Sachsen. Die Rechten, wie etwa der Verleger Götz Kubitschek, beriefen sich dabei auf ein Widerstandsrecht nach Artikel 20, Absatz 4 des Grundgesetzes.

Das kritisiert Liane Bednarz natürlich, wie jeder anständige Mensch, der im menschenverachtenden Agieren von Rechtsextremisten gegen die Würde und die Grundrechte von Menschen ein verachtenswertes, strafwürdiges Handeln und keinen heldenhaften Widerstand für irgendetwas „Gutes“ sieht.

Damit will sie die von linken oder linksliberalen Unterstützern Greta Thunbergs und „Fridays for future“ nicht gleichsetzen. Klimaschutz als Anliegen hält sie für wichtig.

Schnell ist sie dann aber letztlich doch dabei, das eine mit dem anderen gleichzusetzen: Wer die Schulstreiks für vollkommen legitim halte oder, wie Angela Merkel, lobe, affirmiere zumindest mittelbar das neurechte Postulat, „die kleine Ordnung stören, um die große Ordnung zu retten“.

Sie zitiert dann Reinhard Müller in der FAZ, der meint, bei „Rechtsbruch als Protestform“ sei der Weg zu „reichsbürgerhaften Auswüchsen“ nicht mehr weit.

Mit der Argumention der Thunberg-„Bewegung“ könnte man ja dann fast alles rechtfertigen: Ich bin nicht einverstanden mit der Finanzpolitik, also verweigere ich Steuerzahlungen. Oder ich verweigere die Rundfunk-Haushaltsabgabe, weil mir das Fernsehprogramm nicht gefällt.

Und dann könnten ja mit gleichem Recht irgendwann mal irgendwelche rechten Schüler gegen die Migrationspolitik schulstreiken, endet Liane Bednarz dann.

Solch ziviler Ungehorsam aus eigenem Gutdünken, so ein Schulstreik: das ist ein Rechtsverstoß: und das geht nicht in einem Rechtsstaat.

Diese Argumente konnte auch ich, ohne Mobilisierung sämtlicher in mir vorhandenen größeren intellektuellen und sogar akademischen Ressourcen gut nachvollziehen.

Und damit ist das Thema abgefeiert?

Hm.

Ich hatte unter den Facebook-Eintrag auch etwas geschrieben.

Da hatte ich mich enttäuscht gezeigt von Intellektuellen aus dem eher konservativen Lager. Und das bin ich jetzt, nach Liane Bednarz‘ Blog-Beitrag, immer noch.

Denn ist damit das Thema abgefeiert? Schulstreiks gegen Klimawandel rechtswidrig, Missbrauch des Rechts auf Widerstand, letztlich doch vergleichbar mit rechten Flüchtlingsfeinden und durchgeknallten Reichsbürgern?

Es hätte für mich dazu gehört, noch mal über das Phänomen der Schüler(innen)streiks für eine konsequentere Klimapolitik weiter nachzudenken; es nicht nur quasi ordnungs- und verfassungspolitisch zu betrachten.

Könnte es nicht sein, dass auch diese Streiks und dazugehörenden Kundgebungen, die weltweit stattfinden, noch etwas anderes an sich haben? Dass in ihnen vielleicht ein Momentum liegt, das unabhängig von den subjektiven Motiven der SchülerInnen objektiv zu einer positiven Entwicklung führen KÖNNTE?

Nicht alleine. Nicht die Schulstreiks könnten unser Klima retten. Aber könnten sie nicht zum Beispiel Politiker schon aus opportunistischen Gründen dazu zwingen, den Protestierenden zumindest ein wenig recht zu geben?

Mag sein, dass viele SchülerInnen es nur geil finden, dass sie kein Mathe machen müssen. Und dass diese Streiks und Demontrationen unrechtmäßig sind. Dennoch finden sie statt. Es sind die jungen Menschen, die am meisten darunter leiden müssen, wenn die Klimakatastophe eintreten sollte.

Liane Bednarz findet Klimapolitik wichtig. Sie sieht also wohl auch die Gefahr, dass ohne konsequentes Handeln schlimmes passieren könnte?

Die Professoren vom Klimafach unterstützen die streikenden Schüler

Da ist sie in bester akademischer Gesellschaft. Unter Professoren, unter Wissenschaftlern. Zigtausenden. „Scientists for Future“ nennen sie sich, und die unterstützen die Streik-„Fridays for Future“ der SchülerInnen.

Ich finde, neben der Frage, ob es schlimm ist, dass die Schüler mit ihren Streiks gegen Gesetze verstoßen, stellen sich auch Liberal-Konservativen Intellektuellen andere, dringlichere. Wie diese:

Ist es vernachlässigbar, dass die Wissenschaft Prognosen trifft, die schnelles Handeln erfordern?

Wenn nicht: Dann bringen diese Aktionen das Interesse der jungen Generation ein, dass schneller gehandelt wird. Es wird stärker eingebracht. Mit mehr Vehemenz, als wenn wieder nur die üblichen älteren Politiker die üblichen Bedenken mit Arbeitsplätzen usw. bringen und wie üblich die „Kunst des Machbaren“ üben, und die bedeutet immer: Weniger, als wünschenswert wäre. Weniger, als vielleicht gerade in diesem Fall nötig wäre. Nein: Als in diesem Fall nötig ist!

Kann man mit diesen Streiks nicht zumindest zum Teil die dringend notwendige Umsetzung von Klimabeschlüssen beschleunigen?

Wie viele Gewerkschafter, wenn sie bei einem Warnstreik auf die Straße gehen, finden es auch geil, dass sie heute nicht arbeiten müssen, und es macht Spaß, zu trommeln und zu pfeifen. Vielleicht ist es vielen dann auch nicht so ernst, wie es ihre Funktionäre in ihren Reden behaupten. Dennoch entsteht auch hier ein Druck, der dann irgendwann zu höheren Löhnen führt. Zu denen es nicht gekommen wäre, wenn gar nichts geschehen wäre. Hat Martin Luther King nicht stark mit dazu beigetragen, dass der unerträgliche Rassismus der US-Gesellschaft entscheidend, wenn auch nicht vollständig aufgebrochen wurde?

Ist es nicht schon von Art einer Sekte, dass die 16jährige Greta Thunberg wie eine Heilige, eine Prophetin verehrt wird?

Greta Thunberg mag für viele eine Ikone sein, aber sie versinnbildlicht ein wichtiges, ein existentielles Anliegen. Und sie führt nicht zu irgendeinem gefährlichen Fanatismus. Das Anliegen der Demonstranten ist rational. Es wird von vielen Wissenschaftlern anerkannt. Die Politik hat die Gefahren im Pariser Klimaschutzabkommen ebenfalls anerkannt und sich auf das Ziel einer globalen Erwärmung deutlich unter 2 Grad geeinigt. Und setzt die dafür für nötig angesehenen Maßnahmen vielfach nicht um. Wie kann es einem „Sorgen“ bereiten, dass die streikenden Schüler es – wenn nicht subjektiv, dann aber dennoch berechtigt ernst meinen?

„Fridays for Future“ – sollten wir darauf verzichten?

Und wie kann man – wenn man sich all dieses fragt – tatsächlich denken, man sollte eine Bewegung wie „Fridays for Future“ stoppen und das Thema „Kampf gegen die Klimakatastrophe“ lieber kleiner fahren, weil es sonst den Rechten nützen würde?

Genau das hatte ich gedacht, als Donald Trump beschloss, das Klimaabkommen einfach als bullshit anzusehen, als das auch der neue brasilianische Präsident Bolsonaro tat, als bei uns ein Kohlekompromiss Kohlekraftwerke bis 2038 weiterarbeiten lassen wollte: Dass es eigentlich trotz gelegentlicher Großdemos von Umweltschützern und Parteien wie SPD, Grünen und Linken keine Macht in der Politik gibt, die ernsthaft weltweit auf das Erreichen des Klimaziele hinarbeitet.

Diese unvorhergesehene weltweite Schülerbewegung brachte eine positiv überraschende neue Bewegung hinein. Es wäre fahrlässig, diese Bewegung aus Dünkel („Martin Luther Kings Demonstrationen – die spielten doch in einer ganz anderen Liga“)  abzuwürgen, statt sich möglichst segensreiche Auswirkungen von ihr zu erhoffen.

Wer, außer der jungen Generation, die von einer Klimakatastrophe am meisten existenziell betroffen wäre, könnte da mit ähnlich starker Motivation einspringen? Mir fällt da niemand ein.

 

 

 

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