Der Kulturkampf, der aus dem Ruder lief?

Gestern nacht unserer Zeit: Ein Mann stürmt in zwei Moscheen, ermordet viele, viele Menschen und hinterläßt ein Manifest, dessen rassistischer Ton keinen Zweifel an seiner Verwerflichkeit lassen kann – für jeden, der auch nur ausschnittsweise erfuhr, was da drin steht.

Der Soziologe Matthias Quent erklärte dem Deutschlandfunk Kultur:

Das ist nicht das Machwerk eines Irren, sondern eine ziemlich kohärente neofaschistische Ideologie, die dort dokumentiert wird, die Ideologie einer globalen rechtsradikalen Bewegung, die sich in einem Kulturkampf sieht, einem Kampf gegen den angeblichen Untergang durch Überfremdung.

Einige Tage vorher hatte ich mal in den Blog „Die Achse des Guten“ hineingeschaut, und einen fast dreieinhalb Jahre alten Eintrag gelesen: Katharina Szábo schrieb im Oktober 2015 über eine „wahnsinnig gewordene Regierungskaste“ in Berlin, über eine „stammelnde“ Rede von Angela Merkel beim Gewerkschaftstag der IG Metall , von der die Gutachslerin meinte:„Wahnsinn. Irrsinn. Selten solch zusammenhanglosen, wirren Stuss gehört„. Und dann sagte diese besorgte Analytikerin unserem Deutschland (und vor allem den dummen, begeisterten Gewerkschaftern) eine düstere Zukunft voraus:

“ Gut, die Löhne werden in den Keller rauschen, die sozialen Sicherungssysteme werden kollabieren, die Renten werden bald Geschichte sein, man überlegt schon jetzt, Townships aus Holz zu errichten, um die Millionen aus Syrien, Pakistan, Afghanistan, Marokko, Tunesien, Ägypten, Libyen, Somalia, Eritrea und dem Irak irgendwie zu behause; das staatliche Bildungssystem wird einem Lumpenproletariat gerade mal das Schreiben beibringen, wahrscheinlicher aber zu Koranschulen mutieren; die, die es sich leisten können, werden in abgeriegelte Viertel mit Zäunen und privatem Wachschutz leben oder aber gleich, mitsamt der globalisierten Wirtschaft, das Land verlassen. Aber hey, was soll’s? Applaus! Die Kanzlerin sagt, wir schaffen das!“ (Rechtschreibung bzw. Grammatik wie im Original)

Deutschland 2019: Townships, Koranschulen, Lumpenproletariat

Ich fand es, als ich den Beitrag dreieinhalb Jahre später las , eher grotesk, wie die rechthaberische Daueraufgebrachtheit dieser Menschen sie immer wieder solche Szenarien halluzinieren lässt. Sieht Deutschland 2019 so aus? Oder ist es erkennbar auf dem Weg dorthin? Straßenszenen wie in Somalia oder Haiti; zerlumpte elende Gestalten schleppen sich durch unsere herunterkommenden Straßen, Townships aus Holz? Koranschulen, weil das Land der Dichter und Denker kapitulieren musste und der Sieger Islam in diesen Schulen unser aller Verdummung weiterbetreibt?

Frau Szábo benutzte in ihrer Polemik nicht den Begriff „Der große Austausch“. Von dem die „Identitäre Bewegung“ und „Alt-Right“ in den USA faseln, vor dem sich Victor Orbán fürchtet, den Alexander Gauland auf uns zukommen sieht. Aber das Bild, das sie entwarf, beschreibt genau das: Die Millionen Lumpenproletarier aus den „shithole countries“ vertreiben alle diejenigen aus dem Land, die sich leisten können, aus diesem Elend woanders hin zu fliehen. “ Die ,Barbaren‘ stehen, wie so häufig in der Geschichte, vor der Tür (nein, das ist keine rassistische Beleidigung), lachen über die sittliche Verfeinerung und bringen Archaisches ins Spiel: Männer rauben Frauen, wenn Männer sie nicht beschützen (können)„, schrieb Frau Szábos @achgut-Kollegin Cora Stephan.

Die damalige CDU-Bundestagsabeordnete Bettin Kudla twitterte 2016 unbekümmert den Nazi-Begriff „Umvolkung Deutschlands“.

Unser Europa liegt im Sterben. Unsere Zukunft ist bedroht. Was in anderen Ländern normal ist, wird von unseren Regierenden gefährdet.“ , heisst es in einem Werbefilm der „Identitären“.

Sie reden doch alle nur….

Genug davon: Es sind nur vier fast wahllos herausgegriffene Beispiele aus der ganzen Flut der „Merkel muss weg“-Skandierer, „Wir holen uns unser Land zurück“-Rufer, „Wo wart Ihr Silvester?!“-Schreier, „Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land“–Warner: Das prasselt seit drei, vier Jahren unaufhörlich auf uns alle ein, über zig Ausspielwege, Youtube-Schreihälse, bekennende Nazis, „seriöse“ AfD-Politiker in unseren Parlamenten, ungezählte Blogs, soziale Medien, Pegida-Demonstrationen. Wie erbärmlich, dumm und doch gefährlich der Islam sei, der nichtmal eine eigene Baukunst habe, erfahren wir von Thilo Sarrazin. Weltweit ist das genauso. „America first“.

Das, was da geredet wird, was gebloggt wird, was in der „Bild“-Zeitung steht, was aus US-Präsidentenmund getwittert und geredet wird, was ein neuer brasilianischer Präsidentenmund genauso gefährlich droht und mit realen Taten angeht: Es ist dumm, es ist laut, es ist rassistisch, es ist ausgrenzend, antihumanistisch, es will Unterdrückung oder Vernichtung des zum Feind erklärten Anderen und will sich doch nachdenklich, intellektuell geeignet und satisfaktionsfähig für ein ernsthaftes geistiges Ringen um eine bessere Zukunft geben.

Es ist doch nicht überraschend, dass das propagandistische, hasserfüllte verbale Getrommel, dem die meisten Einwohner dieses Globus, die irgendwie medial angeschlossen sind, fast überall und ständig ausgesetzt sind, irgendwann in Taten umschlägt. Das ist beim Islamismus so, und das auch bei bei den „White Supremacy“, „America, Hungary, Polen, xy first“- Extremisten so, denn Propaganda soll das Denken von Menschen verändern, und ja: sie verändert das Denken der Menschen und sie lässt einen Teil dieser Menschen handeln.

Da in diesen vielfach vorhandenen, nicht deckungsgleichen aber stark miteinander verwandten weltweit zu findenden Milieus natürlich auch überall Waffennarren zu finden sind, Waffenideologen, Waffenlobbyisten, steht einem, der einfach mal auf eigene Faust losschlagen will, nicht allzuviel im Weg.

Anders Breivik tat das 2011; da hatte der weltweite Fremdenhass seine heutige Intensität noch nicht erreicht. Die Mörder des „NSU“ hatten auch genügend Hass auf Migranten, die Ideologie dazu und Waffen und Unterstützung. 2015 ermordete Dylann Roof in Charleston (S.C., USA) neun afroamerikanische Methodisten in ihrer Kirche, 2016 tötete der Schüler David Sonboly in München neun Menschen, alle mit Migrationshintergrund bzw. Sinti. 2017 erschoss Alexandre Bissonette in einer Moschee in Quebec (Kanada) sechs Menschen. Robert Bowers erschoss am 27. Oktober 2018 in Pittsburgh (USA) elf Gläubige in einer Synagoge. Nun der rechtsextremistische Mörder in Christchurch.

Beginnt jetzt (erst) die Spaltung?

Ausgerechnet in der „Achse des Guten“ warnt jetzt der Blogger Dushan Wegner:

Der Autor des Phrasen-Manifests will die westliche Gesellschaft spalten. Er sagt quasi: ,Nehmt diesen Bullshit und schlagt damit aufeinander ein, damit vollendet ihr meine Tat!‘ – Es ist zu befürchten, dass seine Mathematik aufgeht„.

Die AfD, Götz Kubitschek, Donald Trump, Victor Orbán, und auch der Blog, auf dem jetzt vor Spaltung gewarnt wird: Sie alle arbeiten doch grimmig und hochmotiviert schon lange an der Spaltung mit! Natürlich wollen 99 Prozent der Zündler nicht, dass die ständige Verächtlichmachung und Stigmatisierung von Menschengruppen zu der äußersten Konsequenz führt, dass deren verachtete Mitglieder real durch ein furchtbares Verbrechen aus dieser Welt genommen werden.

Und? Lernen wir etwas draus?

Der Mörder von Christchurch sieht sich als „Kreuzzügler gegen den Islam“, sagt Matthias Quent: Das seien „Narrative, die bei Rechtsradikalen und Rechtspopulisten weltweit anzutreffen sind“, sagt er.

Aber: Da wird sich wohl niemand angesprochen fühlen: Niemand ist ja „rechts“. „Nur weil man anderer Meinung ist, ist man doch nicht gleich rechts“. „Vielleicht bin ich Populist, aber im positiven Sinne, und auf keinen Fall rechts oder links“.

Da kann mir der nachdenklich klingende Satz dessen, der in einem rechten Blog schreibt, ein wenig Hoffnung geben:

Es ist kein schöner Freitag. Es ist ein Freitag, an dem wir in uns gehen sollten, wieder einmal. Es gilt, auch weiterhin: Trauert mit den Trauernden. Stärkt die Lebenden. Liebt die Menschen, doch prüft ihre Ideen. Und: Trennt euch von jenen, die sich in den Wahn steigern, ihre politischen Ziele mit Gewalt durchsetzen zu dürfen„.

Es wird allen nicht leichtfallen, in sich zu gehen, sonst hätte man es ja längst getan. Ich schlage vor, dass wir bei diesem Inunsgehen sehr stark darüber nachdenken, ob wir nicht allzu leichtfertig einigermaßen rational handelnde Politiker und andere als „irre“ oder „wahnsinnig“ (s.o.) bezeichnen, und: Ob wir das, was von durchaus mehrheitlich honorigen Klimawissenschaftlern erforscht worden ist, leichtfertig als „Klimareligion“ denunzieren, und ob wir ein 16jähriges Mädchen, das nunmal zur Ikone, die solche Bewegungen offenbar eben brauchen, geworden ist, wirklich als „Missbrauchsopfer“ bezeichnen müssen und ob wir nicht die Bewegung, der sie angehört, nicht auch irgendwie als eine Art Kampf für „das Gute“ akzeptieren könnten?

 

(17. März 2019: Zahlreiche kleinere Korrekturen und Ergänzungen)

(23. März 2019: Habe den Hinweis auf Bettina Kudla und den Link auf meinen Beitrag dazu 2016 eingefügt – daran erinnert wurde ich durch die spannende Analyse von Sascha Lobo:

Dadurch wurden es vier statt drei Beispiele.)

3 Gedanken zu „Der Kulturkampf, der aus dem Ruder lief?

  1. Lieber Herr oder liebe Frau M

    gerne schalte ich Ihren Kommentar zu meinem Beitrag auf meiner Seite frei, wenn Sie mir (und den Lesern meines Blogs) ein klein wenig mehr darüber verraten, wer Sie sind. Von mir wissen Sie es ja auch. Ich denke, das ist einfach nur fair. Sie werden ja, nehme ich an, zu Ihrer durchaus sehr expliziten Meinung stehen – ansonsten wäre es ja auch von Ihrer Warte aus nicht wert, sie zu veröffentlichen.
    (Ich nehme an, dass meine Mail Sie auch erreicht haben wird, denn Sie werden ja sicherlich keine Fake-Adresse angegeben haben, wie mailme@gmail.com oder ähnliches)

    mit Grüßen

    Christoph Käppeler

    • Ist ja interessant. Halten Sie es so mit jedem ihrer Kommentatoren und veröffentlichen dazu deren Mail-Adressen? Das habe ich ja auch nicht nicht gesehen.

      Ich schreibe viele Kommentare. Jemand müsste mir den fraglichen noch einmal vorlegen. Tun Sie es einfach, als Antwort auf diesen Kommentar. Ich denke, das wäre für alle Beteiligten der angenehmste Weg.

      • Na ja, wenn Sie sich nicht erinnern können, wird es ja wohl nur ein kurzer, von Ihnen längst vergessener Ausbruch sein. Zur Erinnerung: Es ging um eine britische Kleinstadt und um „bräsige Gutmemschen“, um die es nicht schade wäre, wenn Sie schnell im Nichts verschwänden.
        Sehr emotional also, sehr persönlich Menschen kategorisierend. Wenn man darin selber einen konstruktiven Beitrag zu einer Diskussion sieht, kann man ja mit seinem Namen dazu stehen.

        Christoph Käppeler

        P.S. An Ihre neue angebliche e-mail-Adresse schreibe ich jetzt nicht: es widerstrebt mir, eine Adresse auch nur anzuklicken, die den Einsatz für Frauenrechte mit einer tödlichen Krankheit gleichsetzt)

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