Einfach ein „Furz“ oder der Versuch eines Rufmordes?

Der Plagiatsjäger Stefan Weber hat einen „Plagiatsfall Baerbock“ festgestellt. Mit mehreren „Urheberrechtsverletzungen“, die Annelena Baerbock in ihrem gerade erschienen Buch „Jetzt“ begangen haben soll. Ob das so stimmt, ist im Grunde genommen egal: Denn das wichtige sind ja die Schlagzeilen, die aus solchen Vorwürfen entstehen und dankbar von überwiegend sehr rechten Medien  aufgenommen werden. Und die könnten ihre Wirkung haben. Schlagzeilen bei „Focus“ („Schwere Plagiatsvorwürfe gegen Baerbock: Teile von Buch abgeschrieben?“), ein Sofortkommentar von „Bild“, und sogar die „ZDF-Heute-Show“ macht mit bei etwas, was selbst den politischen Gegner von Baerbock, den CDU-Europa-Abgeordneten Dennis Radtke befremdet.

Mein Fazit, nachdem ich mir die Mühe gemacht habe (die man eigentlich für sinnvollere, wichtigere Themen und Debatten verwenden sollte), mal ein wenig nachzurecherchieren, wie gravierend und überhaupt zutreffend die Vorwürfe sind: Der, der mit diese Vorwurf von „Plagiat“ gegen die Grünen-Kanzlerkandidatin einer seit Wochen nicht abreißende Kampagne gegen sie neuen Schwung geben soll, um sie rechtzeitig und nicht zu Atem kommen lassend nicht ihre Themen, vor allem ihr Kernthema „Klimawandel“ im Wahlkampf vertreten zu lassen, kann (für mein Dafürhalten) keine besonders ehrenwerten Motive haben. Schon gar nicht für sich reklamieren, dass er nur unvoreingenommen „seinen Job“ mache.

Mein Eindruck – wie er bei vielen besteht – verfestigt sich, dass es sich um eine Kampagne vorwiegend rechter Medien, vor allem auch der Springer-Zeitungen handelt, um die Grünen-Kandidatin „waidwund“ zu schießen:

Erst die Kampagne wegen ihres Lebenslaufes, an deren Ende bis heute für viele hängengeblieben ist, dass „irgendetwas mit ihrem Studium nicht stimmt“. Dann: Statt zum Grünen-Parteitag vor allem über das Grünen-Programm zu berichten, über die innerparteilichen Debatten, über die Reden von Baerbock und Habeck, wurden die Schlagzeilen mit unglaublich obszön konstruierten „Antisemitismus“-Vorwürfen gegen die Grußrednerin Carolin Emcke gefüllt.

Nachdem sie sich wohl ganz leidlich und kompetent im Triell mit Laschet und Scholz geschlagen hat, wird jetzt – solche Bösartigkeit könnte man einem bestimmten Teil der Medien unterstellen, für deren Vorhandensein einfach sehr, sehr viel spricht – wird jetzt von „Bild“, „Welt“-Kolumnisten und anderen Medien eben jetzt diese „Plagiats“-Kampagne gefahren. Warum über Klimawandel-Konzepte, Russland-Politik, Digitalisierung, Nach-Corona-Politik, Rechtsextremismus, Islamismus etc. debattieren, wenn solche Emotionialisierungen fataler-, fahrlässiger und infantilerweise immer noch mehr Spaß zu machen scheinen? Es wird wohl auch strategische Gründe haben. Den politischen Gegnern der Grünen, Union und SPD mit ihren Kanzlerkandidaten, kann man nicht nachsagen, dass sie diese Dauerkampagne gegen ihre grüne Mitbewerberin mitmachen.

Welche dunklen Motive solche zersetzenden Kampagnen haben: dem sollte man weiter wachsam und auch widerständig nachgehen und sich diesen, wo man kann, mit Sachlichkeit und Faktentreue entgegenstellen.

Hier jetzt meine erste Analyse der Vorwürfe des „Plagiatsjägers“ Stefan Weber:

Was ist ein Plagiat? Also eine Kopie einer geistigen Leistung eines anderen, die man nicht als Zitat angibt? Ist es ein „Plagiat“, wenn ich bestimmte Fakten mit Worten wiedergebe, die viele mehr oder weniger wortgleich formulieren würden?

Stefan Weber hat „schwerwiegende Textplagiate“ zusammengetragen. Sechs an der Zahl, bisher, er ist noch nicht fertig mit seiner Suche, so entnehme ich seiner Webseite.

Beginnen wir (in umgekehrter Reihenfolge zu der von Weber) mit den absurdesten:

Schlimmer Vorwurf: Selbstplagiat!

„Zahlreiche Sätze und Absätze wurden überdies das gesamte Buch hinweg fast wörtlich aus dem Parteiprogramm der Grünen übernommen. Ein Absatz wurde aus einem von Annalena Baerbock und Robert Habeck gemeinsam verfassten Artikel plagiiert (weitere Analyse folgt)“.

D.h.: Annalena Baerbock hat aus einem von ihr selbst und Robert Habeck gemeinsam verfassten Artikel abgeschrieben. Sich selbst plagiiert: auch das tatsächlich ein „Vergehen“, dessen der Plagiatjäger schon einen anderen beschuldigt hat: Den österreichischen Grünen Peter Pilz, der dies zurückgewiesen hatte und ein Vorwurf, den Weber offenbar seit 2011 nicht weiterverfolgt hat.

Die Kanzlerkandidatin von Bündnis ’90/Die Grünen hat – horrible dictu! – aus dem Parteiprogramm der Grünen Passagen fast wörtlich übernommen! Na, da wird die Urheberrechtsklage  der Partei gegen ihre Chefin und Kandidatin ja nicht mehr lange auf sich warten lassen!

So ein bisschen was übernommen, was eben viele so oder ähnlich sagen

Dann fordert sie in ihrem Buch (Screenshot von Dr. Weber übernommen:)

https://plagiatsgutachten.com/blog/wp-content/uploads/2021/06/Baerbock_5_84.png

Tja: Das ist eben eine politische Forderung der grünen Kanzlerkandidatin. Die Idee ist eine einfach zu beschreibende und wird wohl immer mit den selben oder fast gleichen Worten beschrieben: Statt des bisherigen Bruttoinlandproduktes BIP einen „vergleichbaren und objektiven Wohlstandsindikator“ (upps, da habe ich es ja selber abgeschrieben!) zu entwickeln. Das hat sie (screenshot von Dr. Weber übernommen) aus Wikipedia „abgeschrieben“:

https://plagiatsgutachten.com/blog/wp-content/uploads/2021/06/Baerbock_5_84_Wikipedia.png

Aber wo ist denn da im Ausschnitt aus Baerbocks Buch das Kürzel „GPI“? Und wo ist das „zahlreiche hochentwickelte Länder“? Und da steht „EU-Staaten“ und nicht „Staaten der EU“? Und woher hat sie denn das hochkreative „“die sich bereits auf den Weg gemacht haben“ geklaut? Aber klar: das alles hat sie wohl umgeschrieben, damit man das „Plagiat“ nicht so direkt merkt 🙂

Aber, so Weber: „Ist aus Wikipedia abgeschrieben und  gibt es auch schon“. Was heisst das: „Gibt es auch schon“? Diese an den Haaren herbeigezogene Bewertung ist eine intellektuelle Zumutung: Bei Wikipedia wird geschrieben, dass an diesem GPI seit einigen Jahren vor allem in Staaten der EU und Kanada versucht wird, ihn zu entwickeln. Annalena Baerbock dagegen fordert, dass die nächste Bundesregierung einen solchen Wohlstandindikator entwickeln soll (also: solch einen GPI zu vollenden; bisher ist das ja laut Wikipedia noch im Versuchsstadium).

Fakten genauso ausgedrückt wie andere auch – geht gar nicht!

Versucht da jemand, auf einer Glatze Haare zu finden, oder gibt es da wirklich Rauch, hinter dem ein Colt stecken könnte? (Nachricht an mich: zwei Metaphern, sind die so okay? Später nochmal drüber nachdenken….)

Ich denke: Eher ersteres, wie eindeutig auch hier (screenshot von mir)

Vielleicht hat Annalena Baerbock diesen Satz mit den drei aufgeführten Holzhochhäusern aber auch von hier „geklaut“:

 

 

Oder wird das „junge Architektennetzwerk NXT“ auch bald den Vorwurf eines „schwerwiegenden Plagiats“ erhalten? Immerhin haben sie ja aber ein „sogar“ nach „Tokio“ eingesetzt.

Fakten aus dem Lexikon abschreiben – wer würde das schon tun?

Leichte Häme (wie schon über ihre „Begeistungsfähigkeit für Holzhochhäuser“) klingt beim unerbittlich objektiven, von keinerlei Agenda getriebenen Plagiatsjäger auch hier durch: Das Seelchen, das sich angesichts der EU-Osterweiterung pathetischen Gefühlen nicht entziehen konnte: Allerdings dazugepackt die Fallhöhe, dass sie sich skrupellos und knallhart eine Information der von unseren (und auch Baerbocks) Steuergeldern finanzierten „Bundeszentrale für Politische Bildung“ geistig angeeignet hat:

Die einzige Frage: Wo ist da eigentlich das Pathos, und wie hätte man diesen Satz kreativer und origineller formulieren können? Und warum?

Jetzt kommen die schlimmeren Plagiatsvergehen:

Jetzt kommen wir – in der umgekehrten Reihenfolge – zu einem von zwei „schwerwiegenderen“ „Plagiaten“: Wahrscheinlich inspiriert vom Blog „www.climate-challenge.de“ schreibt Annalena Baerbock, angeprangert von Dr. Weber:

 

Aber auch hier: Keine wortwörtliche Übernahme, aber Übernahme der Erklärung der Auswirkungen auf die Wertschöpfungskette von Unternehmen. Ich weiss nicht, wie gängig diese Erklärung bei Experten für klimafreundliches Wirtschaften ist, so dass sie immer wieder ähnlich formuliert wird. Reines Copy und Paste ist es nicht, sie schreibt „Schäden an Straßen, Schienen“ statt der sperrigeren „Verkehrsinfrastrukturen“ im Blog und fasst „Änderungen der Beschaffenheit oder Verfügbarkeit von Rohstoffen“ mit „Rohstoffknappheit“ zusammen.

Die Information über die „Gesamtschäden aus klimawandelbedingten Extremwetterereignissen“, die sie gleich danach anfügt, ist im climate-challenge-Blog an anderer Stelle zu finden. Und hier fasst auch das Blog nur Zahlen des Klima-Risiko-Indexes von „Germanwatch“ zusammen (was Weber durch den äußerst knapp gehaltenen Ausschnitt hoffentlich nur fahrlässigerweise nicht deutlich werden lässt).

Jetzt das schlimmste!

Und jetzt zum „schwerwiegendsten“ „Plagiat“ von Annalena Baerbock, laut Dr. Weber:

 

 

Hier hat sie offenbar tatsächlich den Artikel „Kriegstreiber Klimawandel“ von Michael T. Klare gelesen. Allerdings – und das hat den nicht so akribisch nachrecherchierenden Plagiatsjäger wohl nicht so interessiert: Das sie aus „Klares Jahr 2007 das Jahr 2010“ macht, scheint seinen Sinn zu haben, und sogar zu zeigen, dass Baerbock nicht einfach etwas gecopypastet hat, sondern: Dass sie das, was sie übernommen hat, mit Verstand gelesen und auch aufbereitet zu haben scheint: Denn 2007 wurde laut Klare der Klimawandel als Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA erstmals „wahrgenommen“. Als solche Bedrohung regelrecht „deklariert“, wie Baerbock schreibt, wurde er dann wohl erst tatsächlich 2010, als die Studie ranghoher Ex-Militärs „Die Nationale Sicherheit und die Bedrohung durch den Klimawandel“ veröffentlich wurde. Wobei ja, laut Klare, die „Exekutivverordnung 13653“, die sich mit der „Vorbereitung der USA auf die Auswirkungen des Klimawandels“ befasste, erst im November 2013 von Präsident Obama unterzeichnet worden war. Donald Trump hatte sie 2017 dann wieder aufgehoben. Annalena Baerbock übernimmt dann im wesentlichen tatsächlich Klare – der wiederum die Schlussfolgerungen paraphrasiert, die das Pentagon aus Folgen des Klimawandels für die US-Sicherheit zieht.

Stefan Weber will weitere Stellen aufdecken in Annalena Baerbocks Buch. Ich bin gespannt. Sieht man seinen Wikipedia-Eintrag, scheint seine Trefferquote nicht allzu hoch zu sein. Manche konnte er tatsächlich als dreiste Kopierer überführen, die sich mit der Kreativität anderer schmückten. Öfter aber führte ihn sein Jagdeifer auch ins Nichts. Vielleicht, weil seine Definition von „Plagiat“ selbst nicht ganz unabhängig davon ist, wem er ein solches dringend nachweisen will. Selbst einer knochentrockenen Behörde, wie dem Bundesinstitut für Risikobewertung warf er vor, dass dessen Beitrag zum Wiederzulassungsbericht für Glyphosat in Europa „Plagiatsfragmente“ enthalten hätte. Wohl erfolglos.

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