Gepflegtes Gespräch nach Silvester – eine Phantasie

„Guten Tag, der Herr“

„Guten Tag, die Dame. Ich freue mich, Sie zu sehen – und sicher werden Sie und ich uns gleich wieder ein wenig streiten, denn Sie und ich – wir sind so oft anderer Meinung. Aber ich genieße es jedesmal, mich mit Ihnen auseinanderzusetzen, es ist so produktiv, so dass ich mich nach jedem Gespräch, das wir geführt haben, um neue Gedanken und Einsichten bereichert fühle“.

„Ich darf Ihnen dieses Kompliment zurückgeben. Es gibt doch nichts anregenderes für den Geist als so eine häufig doch herrlich kontroverse Diskussion mit Ihnen – vor allem, wenn man schon über die 50 hinweg ist, und in noch etwas weiterer Ferne, aber immerhin schon ahnbar, die Altersdemenz droht,“.

„Haben Sie die neuerlichen Geschehnisse in Köln mitverfolgt? In der Silvesternacht? Es ist ja diesmal sehr glimpflich abgelaufen, verglichen mit dem vergangenen Jahreswechsel in dieser bedauernswerten Stadt.“

„Das ist wahr. Auch ich habe natürlich mit einer gewissen bänglichen Spannung an den Rhein geschaut, und mich dann gefreut, dass es dort so gut verlaufen ist“.

„Es ist aber, vermutlich jedenfalls, auch dem ungleich größeren Polizeiaufgebot im Vergleich zum Vorjahr zu verdanken. Die Kölner Polizei hat sich ja diesmal ungleich besser vorbereitet, und man spürte, auch über die räumliche Ferne, aus dem medialen Echo, dass das mit einer großen Anspannung und einer großen Angst vor einer Wiederholung der damaligen schlimmen Vorkommisse geschehen ist“.

„Wer wollte es der Politik verdenken, mein Herr. Es war ja auch schlimm, was den Frauen, die in die Fänge dieser bösartigen Männer geraten waren, damals zugestoßen ist. Ein ungeheuerliches Verhalten dieser jungen Männer aus dem Maghreb; es war nicht nur von einer groben Verachtung und unverzeihlichen Herabsetzung von Frauen geprägt, sondern generell von einer ziemlichen menschlichen Verkommenheit – eine solche sexuelle Gewalt gegen Frauen kann nicht genügend verurteilt werden!“

„Da stimme ich Ihnen zu, verehrte Dame. Allerdings darf ich Sie daran erinnern, dass die Kölner Oberbürgermeisterin, selbst ja eben eine Frau, damals den Frauen den sehr schwächlichen und hilflosen Rat gegeben hat, sie sollten in so einer Situation stets eine Armlänge zwischen sich und den angreifenden Täter legen, um so zu vermeiden, sein Opfer zu werden. Das hat damals, wie ich finde: zu Recht – sehr viele empört!“

„Darf ich Ihnen ein wenig widersprechen?“

„Nur zu! Wir sind nicht hier, um einander zuzustimmen, nur um die Harmonie unseres schönen Beisammenseins nicht zu stören. Gerne vernehme ich Ihren fundierten Widerspruch!“

„Nun – ich habe dazu zwei Gedanken: Erstens: Wenn ich mich recht entsinne (ich könnte mich irren), dann antwortete die Oberbürgermeisterin auf die spontane Fragen einer Journalistin, was sie Frauen empfehlen würde, zu tun, wenn sie plötzlich in die Situation gerieten, plötzlich einem solchen Männermob ausgesetzt zu sein. Was würden Sie für einen Vorschlag haben?“

„Nun. Ja. Sie hätte sagen können: ‚Eine Frau könnte in so einer Situation anfangen zu schreien. Nach der Polizei rufen…'“

„….die, wie wir beide ja wissen, eben nicht oder in viel zu geringer Zahl vor Ort war….“

„Touché. Ich gebe zu, ich weiss jetzt spontan auch nicht einen Vorschlag, der eine erstaunlich einfache Antwort auf so eine Frage enthielte. Sagen Sie mir lieber, was ihr zweiter Gedanke ist?“

„Nun, ich fand es ein wenig ungehörig, diese Oberbürgermeisterin so gnadenlos ob ihrer hilflosen Antwort zu verurteilen. Ich – aber vielleicht bin ich da heutzutage alleine mit meiner etwas altmodischen Tugend der Achtsamkeit – finde, man hätte diese arme Frau, die doch wenige Wochen vorher Opfer eines frevlerischen Mordanschlages geworden war, der dem Herrn sei Dank nicht erfolgreich verlief, nicht so genüsslich in Bausch und Bogen verurteilen sollen. Es schien mir gar, all die, die das taten, hatten insgeheim ein großes Vergnügen daran. Waren doch einige der mutmaßlichen Täter Menschen, die bei uns vor Krieg oder Armut Zuflucht gesucht hatten; und diese Oberbürgermeisterin hatte sich sehr für sie eingesetzt. Und wie wir wissen, ist manch einer unserer Mitbürger höchst erzürnt über die Anwesenheit dieser vielen fremden Menschen von anderswo“.

„Nun, liebe Freundin, da sehe ich keinen Zusammenhang. Ich – und jeder, der so denkt wie ich, nehme ich an, wird genauso urteilen: Der Mordanschlag auf die Oberbürgermeisterin war aufs höchste verwerflich; der Täter ein moralisch übelster, heimtückischer Mensch. Ihr Überleben, ihre Gesundung und ihre ziemlich baldige Wiederaufnahme ihrer Amtsgeschäfte war, und dies meine ich in aller Ehrlichkeit, eine sehr anrührende Freude für mich…..“

„…aber?“

„Aber es wäre eine Herabsetzung ihrer Kompetenz, ihrer Fähigkeit, nach der Genesung wieder mit voller Kraft ihr Amt auszuüben, wenn man ihr sozusagen mildernd zugestanden hätte, sie dürfe sich die eine oder andere Fehleinschätzung leisten. Man zollt ihr viel eher den ihr auch zustehenden Respekt, wenn man ihre Aussagen genauso ernsthaft prüft und auch nötigenfalls verwirft, wie man es auch mit den Aussagen eines Amtskollegen getan hätte, der zu seinem Glück nicht Opfer einer solch schäbigen und brutalen Tat geworden wäre“.

„Da haben Sie sicherlich auch Recht, zumindest ein wenig. Belassen wir es dabei?“

„Gerne. Es macht mir ja kein Vergnügen, auf einem Thema, dem wir uns in dieser Kürze nach unserer beider Urteil zur Genüge gewidmet haben, herumzureiten. Uns geht es um die Erkenntnis, um das produktive Auseinandersetzen, um…..“

„…ja, ja, lieber Freund, lassen Sie uns einander nicht mit von uns beiden längst festgestellten Selbstverständlichkeiten langweilen! Sagen Sie mir lieber, wie zufrieden Sie damit sind, dass die drei Tage zurückliegende Silvesternacht so verlaufen ist, wie sie es ist?“

„Sehr zufrieden! Es hat gezeigt, dass das, war im Jahr zuvor geschehen war, verhinderbar war. Natürlich muss dazu ein Wille bestehen, sich dem Bösen entgegenzustellen, und zu so einem Willen gehört natürlich dann auch, dem Guten, das dem Bösen in den Arm fallen will, die Kräfte zur Verfügung zu stellen, die es benötigt, um dabei Erfolg zu haben. Und das ist diesmal geschehen! Ich kann unserer Polizei, und allen, die sie in ihrem Tun in der Silvesternacht unterstützt haben, nicht überschwänglich genug für ihren Einsatz danken!“

„Dem kann ich nur zustimmen“

„Sie stimmen mir zu? Werteste Freundin, ich kenne sie gut genug, um zu vermuten – nein: um zu wissen: da muss jetzt etwas folgen, ein Satz, der höchst wahrscheinlch mit einem ‚Aber‘ beginnt, möglicherweise aber auch mit einem ‚Jedoch‘ oder einem ‚Nur‘! Hihi!“

„Kein ‚aber‘, das die Leistung, den Erfolg unserer Ordnungskräfte schmälern will. Nur eine Anmerkung, sozusagen eine Notiz, die ich für eine spätere tiefere Reflektion dessen, was geschehen ist, für nicht ganz unerheblich halte“

„Und das wäre? Warum sollten wir an diesem Erfolg herummäkeln? Unsere erfolgreichen Prachtkerle – verzeihen sie mir den etwas pathetischen Ausbruch – verdienen sie es nicht, ohne kleinkarierte Besserwisserei mit ganzem Lob und ohne einen überflüssigen Tadel die Früchte ihrer guten Arbeit zu genießen? Von uns allen gefeiert zu werden, sinnbildlich oder buchstäblich unter Hochrufen in die Luft geworfen zu werden? Was würden Sie von einem Vater halten, dessen Tochter mit einem Abschlusszeugnis von der Schule kommt, voller Stolz und Vorfreude auf das elterliche Lob ihm entgegenläuft, ruft ‚Vater, Vater, ich bin die zweitbeste alle Schülerinnen von über 1000 meiner Schule!‘, und er antwortete nur missmutig ‚Und warum bist Du nicht die beste?'“

„Nun, ich will einfach nur auf eines verweisen: Sie und ich sind uns doch einig, dass wir in dem besten Deutschlande, das es jemals gab, zu leben das Privileg haben. Ein Land, das uns einzelnen Menschen Rechte und Freiheiten gibt, wie es sie in der Geschichte davor in den diversen Landen, die unserem heutigen Staate in den wechselvollen Zeitläuften vorangingen, allenfalls hier und da einmal punktuell gegeben haben mag….“

„….Bis dahin d’accord“

„Nun, da ich in meiner Handtasche eben aus großer Dankbarkeit für dieses Privileg immer dieses zündholzschachtelgroße Grundgesetz mit mir führe, möchte ich Ihnen gerne kurz den Artikel 3 vorlesen“

„Nur zu! Es kann niemals schaden, sich diese viel zu wenig wertgeschätzte Verfassung unseres Landes immer wieder auch in einzelnen „Portionen“ ins Gedächtnis zu rufen….“

„Ich lese Ihnen nur den Absatz 3 vor: ‚Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden'“.

„Warum lassen Sie so dramatisch Ihre Lesebrille wieder herunterfallen und machen diese bedeutungsschwangere Pause? Ich kann dem Vorgelesenen nur voll und ganz zustimmen!“

„Das freut mich. Ich möchte Sie nur darauf hinweisen, dass möglicherweise – ich betone: möglicherweise! – bei diesem von uns beiden begrüßten Polizeieinsatz gegen diesen Artikel verstoßen worden sein könnte“.

„‚Womöglich verstoßen worden sein könnte‘. Seien Sie mir nicht böse, gnä‘ Frau, aber das ist mir ein allzu konjunktivisch gefasster Gedanke, als dass ich glaube, er habe die Berechtigung, einen Schatten auf meine – und ja auch, nach Ihrem Bekenntnis Ihre – Freude fallen zu lassen.“

„Nun – verzeihen Sie mir die Feierlichkeit: Ich denke, unsere Verfassung ist ein hohes – vielleicht sogar heiliges Gut! Ich denke, wir bekunden ihr auch damit den nötigen Respekt, dass wir lieber einmal zu viel als zu wenig zumindest prüfen, ob gegen sie verstoßen wurde und – nur in diesem Falle – diesen Verstoß möglichst wieder gutzumachen“.

„Also, ich höre – wo könnte gegen diesen Artikel 3 verstoßen worden sein?“

„Ich meine, was mich ein wenig verwirrt, ist dieser Umstand, dass zur Vermeidung neuerlicher Exzesse wie im Vorjahr die Polizei im Kölner Hauptbahnhof eine große Gruppe junger Männer quasi unter Generalverdacht gestellt und sie aufs peinlichste darauf überprüft hat, ob von ihnen eine Gefahr ausgehe, während wohl alle anderen weitgehend unüberprüft blieben…“

„Sie kennen das erfreuliche Ergebnis dieser Überprüfung“

„Jaja, ich kenne es. Aber: Kann es nicht sein, dass die Polizei dabei etwas getan hat, was sie nicht durfte?“

„Was wäre das?“

„Nun, wie ich bereits sagte: Die Polizei nahm sich junge Männer vor, die alle ein bestimmtes Aussehen hatten….“

„Aus wohlabgewogenem Grunde! Genau von diesen Männern gingen im Vorjahre die erschütternden Verwerflichkeiten aus!“

„Von ebendiesen Männern? So waren sie vollzählig alle wieder angereist?“

„Ja! Nein, natürlich nicht alle, nicht unbedingt die gleichen Personen. Sie wären ja töricht gewesen, da ja fast niemand von ihnen hatte identifiziert werden können. Aber eben diese Art Männer, vom gleichen Schlage, gleichen Kalibers….“

„Was war es dann, was sie alle gemeinsam hatten?“

„Ihr Aussehen! Ihre Herkunft! Alle augenscheinlich von dort, woher auch die Täter des Vorjahres kamen! Wenn man diese unter Kontrolle brachte, hatte man diesmal verhindert, dass sie wieder Täter wurden! Und genau dies ist geschehen: Es wurde verhindert.“

„Aber darf ich das? Widerspricht das nicht Artikel 3? Gleich mehrfach sogar? Menschen wurden benachteiligt, wegen ihrer Herkunft, Heimat und Abstammung – gegenüber Menschen anderer Herkunft, Heimat und Abstammung!“

„Ja, ich darf es! Unsere Polizei darf es! Sie hat diese Menschen nicht deshalb bevorzugt kontrolliert, weil sie diese Menschen diskriminieren wollte. Sie hatte nur starke Hinweise darauf, dass, wenn etwas passieren würde, vergleichbar dem, was am Vorsilvester geschehen war, es eben von dieser Gruppe ausgehen würde“.

„Warum ausgerechnet von diesen?“

„Warum, warum?! Geben Sie zu: Auch Sie hätten diese Gefahr vor allem von dieser Gruppe ausgehend erwartet!“

„Ich frage dies alles nicht, um sie in die Enge zu treiben. Ich stelle mir diese Fragen einfach nur selbst. Finden Sie es schlimm, dass ich sie stelle?“

„Schlimm nicht, aber ich höre aus ihr einfach ein mir missfallendes Missbilligen unserer doch hier so erfolgreichen Polizei heraus….“

„Da sie mich kennen, wissen sie, dass ich es ernst meinte, als ich diesen Erfolg so begrüßte wie Sie. Aber Sie und ich – wir wollen doch nicht einfach nur noch der Emotion stattgeben, und die geistige, die logische Reflektion sich in dieser Emotion auflösen lassen. Sie haben doch genauso ein geistiges Vergnügen daran, Gedanken, gerade auch widersprüchliche, zu diskutieren, zu reflektieren, abzuwägen, nach Anregung durch Widerspruch neu zu durchdenken, zu neuem Urteil zu kommen oder am Ende wieder ganz oder teilweise wieder beim schon vorher gefällten anzukommen.

„Darf ich Ihnen sagen, liebe Freundin, warum ich dieses Gespräch mit Ihnen heute so besonders genieße und wertzuschätzen weiss?“

„Ich ahne es, da ich Sie kenne und es vermutlich die gleichen Gründe sind, die auch mich heute fast euphorisch werden lassen ob der Gepflegtheit und Kultiviertheit unseres Gesprächs….“

„So haben Sie auch die Schlagzeilen gesehen?“

„Ja, ja, oh ja, ich musste sie sehen! Sie waren so groß, und sie waren so abscheulich bösartig….“

„Ja, das waren sie. Da war dieses Blatt, es zieh die Vorsitzende einer unserer Oppositionsparteien der Dummheit, und bildete ein neues abscheuliches Wort, um sie zu schmähen – da ist es ja, an jenem Verkaufsstande!

„Widerwärtig! So degoutiert es auch Sie – auch wenn sie von denen geschmäht wird, die ähnlich über Einwände gegen das Polizeivorgehen denken wie Sie?“

„Da würden Sie mich missverstehen! Die Größe unseres Landes macht seine Freiheit aus, auch und vor allem die des Wortes; seine Liebe zum Recht….“

„Und….. steht diesem fürchterlichen Blatte nicht auch diese Freiheit zu? Auch wenn mit ihr, meiner Geschlechtsgenossin, auch ich mich geschmäht fühlen muss? Weil ich ähnliche Gedanken in mir zuzulassen gewagt habe?“

„Sie steht ihm zu, natürlich. Ja, sie steht ihm zu…. Aber es lässt mich weinen – dass diese Leute – in dieser Weise Gebrauch von dieser Freiheit machen. Sie sind so…. klein! So kleingeistig triumphierend den Streit suchend! Sie haben eine Gesinnung, die ein Feind der Nuance, des Feinen, des Abwägens, des Leisen, des guten Lauten ist, und die den, der dieses Nachdenken, Innehalten, Abwägen, Nachdenken wagt, böse und gemein vor den Dummen und Übelwollenden, die ihnen bösartig kichernd Recht geben, einschüchtern, blossstellen und zum Schweigen bringen wollen. Das wollte ich nicht, auch wenn ich in vielem anders denke als sie…..“

„Sie haben ja wirklich Tränen in den Augen, mein Freund. Lassen sie uns für heute von diesem Schmutz schweigen. Und in einem einsamen Landgasthofe weitab vom Fluss der Worte aus all den bösen Mündern und Tasten Tee trinken. Und uns beide ein wenig hoffärtig als die letzten einer Zeit fühlen, in der Menschen noch gepflegt stritten….. die es vielleicht nie gab…. Taxi!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.