Der Springer-Dünkel: Wir dürfen sowas!

Im Springer-Verlag, vor allem bei „Bild“ und „Welt“ gibt es eine ganz eigene Art von Überheblichkeit: Es ist ein strukturelles Überflieger- oder Elite-Gefühl: Wenn wir eine erfolgreiche Kampagne machen, oder wenn wir einen von uns gerade auf dem Weg nach oben begleiteten Politiker irgendwie rausholen wollen: Dann nur zu! Warum nicht mit adhoc ausgedachten Vorwürfen arbeiten, die so gut wie jeder Grundlage entbehren, denn man weiß: „Wir sind Springer (wir dürfen das!)!“ Wenn das dann rauskommen sollte – und es kommt meist ziemlich schnell raus – dann ist das völlig egal. Man hat es versucht, es hat lange genug gewirkt, und mehr brauchte man nicht, denn „Welt“ und „Bild“ gibt es ja danach immer noch.

Aktuellste Ausprägung dieses so eigenen Springer-Dünkels: Bild-Vize-Chefredakteuer Paul Ronzheimer behauptet bei X, nach dem Rücktritt von Jens Spahn als CDU/CSU-Fraktionschef gebe es eine massives und unverhohlenes Auftreten von „offener Homophobie“, einen anti-schwulen Duktus wie in den 1969er-Jahren. Belege: Erstmal keine. Die Reaktionen: Fast alle konsterniert: „Häh?“ Es geht, sagen eigentlich fast alle, um Spahns  Doppelmoral: Er hat selbst etwas getan (ein gemeinsames Kind mit seinem Ehemann von einer Leihmutter in den USA austragen zu lassen), was seine CDU und damit auch er politisch erst Anfang 2026 für Deutschland abgelehnt hatten.

Ich glaube, Paul Ronzheimer selbst glaubt diesen Quatsch nicht, denn die Homosexualität Spahns ist lange bekannt. Politiker werden heute nicht mehr wegen ihres Schwulseins öffentlich angefeindet. Das heißt nicht, dass es keine Homophobie mehr gibt,aber sie ist nicht mehr ausschlaggebend dafür, dass Politikerkarrieren enden: Wowereit, Westerwelle, Weidel. Und gerade die Kritiker von Spahn aus dem nicht so konservativen Lager weisen Weiterlesen

Ist etwa schon Vorabend der Machtergreifung?

Feuilleton, Kabarett und AfD-Wahlkämpfer spielen mit Umsturzfantasien

Das Ende dessen, was wir jetzt haben, scheint nahe. Ausgelöst durch ansteigende AfD-Erfolge; neben den Schöne-Neue-Welt-Fantasien von US-Milliardären. Diejenigen, die als Feind markiert sind, spüren das genau, raunte schon am 30.12.2024 Moritz Eichborn in der „Berliner Zeitung“ (mehr dazu hier). Solche Rauntöne kannte man so nicht vot der Erweiterung des Meinungsspektrums der Republik:

„Das Ungetüm hat Angst. Der politmediale Hauptstadtkomplex explodiert nach Elon Musks Gastbeitrag in der Welt am Sonntag in hassverzerrten Zuckungen“.

Eine berechtigte Angst der Protagonisten des „Systems“, aus Sicht von Eichhorn, denn der ist davon überzeugt, dass wir kurz davor stehen, dass sich entscheidendes ändert:

„Am Ende ist der Musk-Vorfall nur ein weiteres Zucken eines sterbenden Systems. Wir liegen bei den grundstürzenden politischen Entwicklungen, die sich auf der ganzen Welt abspielen, einige Jahre hinter den USA, Osteuropa, Skandinavien oder Italien, aber sie kommen auch zu uns. Zu eklatant sind die Widersprüche zwischen Wunsch und Wirklichkeit“.

Das „Ungetüm“, das zu Recht Angst hat. Wie muss man sich das vorstellen? Wie die Hydra, die kurz vor 1933 in der NS-Propaganda geifernde Köpfe von Weimarer Politikern hatte, die durcheinander redeten, aber nichts zustande brachten? Oder die Köpfe, die als Unkraut auf einem Feld wucherten, und die von einem beherzten Schnitter, am Arm ein Hakenkreuz, mit einer Sense einfach weggeköpft wurden?

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Eine KI im Drogenrausch: Es war nicht Twain, sondern Wilde, ach nein, doch nicht…

Sorry, ich bin es nochmal mit dem Thema: „Wo hat Mark Twain sein berühmtes Zitat über den Gutmenschen, der ein ‚guter Mensch der schlimmsten Sorte‘ ist‘ gesagt?“ Vor zehn Jahren hatte ich die Suche aufgegeben, weil es einfach nicht zu finden war.

Dann dachte ich: Jetzt gibt es doch KI, eventuell findet die was in Ecken, die ich nicht kenne oder in die ich nie hineinschauen werde.

Und tatsächlich: Es kam wieder Bewegung in die Sache, spektakuläre Neuigkeiten, an deren Ende erstmal stand: Der Satz war, schwor mir Gemini, das könnte ich ruhig so sagen, weil es stimme, gar nicht von Mark Twain, sondern: es war von Oscar Wilde!

In einem Stück von Oscar Wilde habe eine Lady Caroline über einen von einer anderen Lady, Lady Hunstanton, über einen von dieser beschwärmten, bewundernwerten („admirable“) Mann zu dieser gesagt: „An admirable man in the worst sense of the word“. Weiterlesen

War’s Twain oder nicht? Das Geisterzitat vom Gutmenschen

Löst vielleicht KI das Rätsel um das Gutmensch-Zitat?

Vor fast zehn Jahren hatte ich mich hier auf die Suche nach einem Beleg für ein Zitat gemacht, das in den Niederungen des Kulturkampfes in Deutschland gerne verwendet wurde. Es lautet:

Die schönste Definition des Gutmenschen. Von Mark Twain: Der Gutmensch ist ein guter Mensch von der schlimmsten Sorte.“

So zitierte Norbert Bolz Mark Twains angeblichen Beitrag zur Diskussion um „politisch korrekte“ „Gutmenschen“. Nicht nur Bolz – obwohl Wissenschaftler – ersparte sich die Mühe, seinen Lesern per Fußnote oder sonstwie eine Fundstelle anzugeben.

Ich fand das Zitat selber in verschiedenen englischsprachigen Quellen im Netz – allerdings in keinem der von mir per Volltextsuche durchsuchten Werke Twains auf der englischsprachigen Gutenberg-Seite. „Goodman“, zusammengeschrieben oder auch auseinander, verwendete Twain zwar in den Texten, in denen ich fündig wurde (sowohl in Romanen als auch in essayistischen Büchern), aber nirgendwo so, wie er von Autoren zitiert wurde.

Da ich keine Dissertation über dieses Thema plante und nicht noch nach womöglich nicht digitalisierten Texten Twains suchen konnte und wollte, beließ ich es dabei. Selbst die englischsprachen Texte, die ihn zitierten, sparten sich Quellenangaben. Teilweise verwiesen sie auf eine andere Quellenangabe in einem anderen Buch, mit dem Hinweis: „The source is not quoted“. (Siehe meinen Text von 2016).

Und hier beispielsweise sagt man immerhin ehrlicherweise: „Mark Twain SOLL gesagt haben…“: „The American author Mark Twain is said to have described a certain person as “a good man in the worst sense of the word.” Weiterlesen