Löst vielleicht KI das Rätsel um das Gutmensch-Zitat?
Vor fast zehn Jahren hatte ich mich hier auf die Suche nach einem Beleg für ein Zitat gemacht, das in den Niederungen des Kulturkampfes in Deutschland gerne verwendet wurde. Es lautet:
So zitierte Norbert Bolz Mark Twains angeblichen Beitrag zur Diskussion um „politisch korrekte“ „Gutmenschen“. Nicht nur Bolz – obwohl Wissenschaftler – ersparte sich die Mühe, seinen Lesern per Fußnote oder sonstwie eine Fundstelle anzugeben.
Ich fand das Zitat selber in verschiedenen englischsprachigen Quellen im Netz – allerdings in keinem der von mir per Volltextsuche durchsuchten Werke Twains auf der englischsprachigen Gutenberg-Seite. „Goodman“, zusammengeschrieben oder auch auseinander, verwendete Twain zwar in den Texten, in denen ich fündig wurde (sowohl in Romanen als auch in essayistischen Büchern), aber nirgendwo so, wie er von Autoren zitiert wurde.
Da ich keine Dissertation über dieses Thema plante und nicht noch nach womöglich nicht digitalisierten Texten Twains suchen konnte und wollte, beließ ich es dabei. Selbst die englischsprachen Texte, die ihn zitierten, sparten sich Quellenangaben. Teilweise verwiesen sie auf eine andere Quellenangabe in einem anderen Buch, mit dem Hinweis: „The source is not quoted“. (Siehe meinen Text von 2016).
Und hier beispielsweise sagt man immerhin ehrlicherweise: „Mark Twain SOLL gesagt haben…“: „The American author Mark Twain is said to have described a certain person as “a good man in the worst sense of the word.”
Auch im folgenden Text lügt man nicht, („He is SAID to have described….“), nimmt aber das unbelegte Zitat gleichwohl als Beleg für die literarische Treffsicherheit von Twains Formulierungskunst:
Meine persönliche Quintessenz 2016 war: Da Mark Twain, wie Joyce Carol Oates meinte, ein Feminist gewesen sei, der Anti-Semitismus ihn besorgt habe, und er glaubte, es sei furchtbar, dass die USA zu seiner Zeit keine Gesetze hatten, die das Lynchen verboten, war er wohl eher selbst ein klassischer „Gutmensch“ in dem Sinne, in dem ihn Konservative bis Rechtsradikale heute verwenden. In der englischsprachigen Literatur verwendete man „Good man“ sarkastisch vor allem in christlichen Kontexten und meinte damit eher die scheinheiligen Heuchler, wie den „guten“ Sohn im biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn, der dem zurückgekehrten Bruder neidete, dass der Vater voller Freude diesen Nichtsnutz und Versager mit seiner ganzen Liebe und Freude mit einem großen Fest empfing, während er, der loyale, arbeitsame gute Sohn nicht diese liebevolle Zuwendung zu erhalten glaubte.
Vielleicht hilft sie: Die KI!?
Mir kam die Idee – weil ich 2016 bei der Antwort auf die Frage nicht weitergekommen war, ob Mark Twain nun wirklich über den schlimmen „Gutmenschen“ gesprochen hat oder nicht – die KI zu befragen, die es 2026 mittlerweile gibt.
Ich fragte Googles „Gemini“:
Er hat es gesagt, aber es ist nicht von ihm?
Das ist eben KI Stand 2026: Gemini bestätigt mir also, dass es das Zitat von Mark Twain nirgendwo gibt, dass er es aber nachweislich gesagt habe. Als Beleg für diese widersprüchliche Aussage zeigt es ein Webseite mit Aphorismen, wo das Gutmensch-Zitat steht, aber eben ohne die verdammte Quelle, um die es ja die ganze Zeit geht!
Deshalb habe ich es nochmal auf Englisch mit Gemini probiert, und siehe da: Jetzt scheine ich weitergekommen zu sein:
Das mystische Geisterzitat
Hier bestätigt mir Gemini, es handele sich um ein „Ghost Quote“, ein „Geisterzitat“. Es gebe keinen „record“, keinen Beleg darüber, dass es es jemals geschrieben oder gesagt habe. Auch wenn es in der Populärkultur Twain zugeschrieben werde. Viel eher – meint „Gemini“ – komme ein ganz anderer Autor dafür in Frage: Oscar Wilde.
Die Begründung der KI ist allerdings so semi-überzeugend: In Wildes Stück aus dem Jahr 1893 „A woman of no importance“ sagt Lady Hunstanton:
„Liebe Caroline, er ist so gut! Ein bewunderswerter Mann, in jeder Hinsicht! Ein durch und durch guter Mann!“
Lady Caroline antwortet:
„Das tut mir leid, zu hören, meine Liebe. Ein bewundernswerter Mann im schlimmsten Sinne des Wortes“
Da geht es also nicht um moralisch-ethisch argumentierende „Gutmenschen“, die sich politisch für Menschenrechte, Gleichberechtigung, soziale Gerechtigkeit, Abrüstung, Flüchtlinge oder was auch immer konservativen realpolitischen Menschen so an gut gemeintem linkem, „woken“ Kram heutzutage so aufstößt. Es geht um die viktorianische Scheinheiligkeit und angemaßte moralische Überlegenheit, die, so Gemini, Oscar Wilde und Mark Twain gemeinsam verabscheuten und gerne bissig-sarkastisch bis zynisch aufspießten.
Es handelt sich aber dann tatsächlich nicht um das genau gleiche Zitat, nach dessen Ursprung ich suchte und suche. Auch wenn die Fallhöhe von „bewunderswert“ zu einem „schlimmsten“ Sinn dieses Wortes überraschend und sehr, sehr lustig ist. Denn da geht es ja offenbar um einen schlimmen Hallodri, mit dem Lady Hunstanton vielleicht (ich weiß sonst nichts über das Stück) am Ende sehr schlechte Erfahrungen machen könnte.
Der Magnet, der Promi-Zitate anzieht
Aber darum geht eben nicht im angeblichen Mark Twain-Zitat. Nur die rhetorische Volte ist die Gleiche. Aber die angebliche moralische Doppelmoral von nicht verwerflichen, weil eben guten politischen Anliegen ist etwas anderes als die fatale Verführungskraft eines stutzerhaften Dandys. Das Zitat scheint mir zunehmend eine von vielen Fehl-Zuschreibungen zu sein, mit denen offenbar immer wieder zufällig, fahrlässig oder auch bewusst schön klingende Aphorismen mit einer passend scheinenden prominenten Autorität geadelt werden sollen, von deren anerkannt herrlicher fein-humoriger Weisheit dann auch ein bisschen Glanz auf den Zitateur fallen soll.
Wie ein Magnet ziehen solche klingenden Namen die Zitate an, die dann ewig an ihnen heften bleiben.
Ansonsten ist die Frage der Herkunft von dem schönen Satz über den „Gutmenschen“, der gut ist im schlimmsten Sinne des Wortes, weiter ungeklärt. Nichtmal die Person, die Mark Twain damit gemeint haben könnte, ist überliefert – es kann also jeder und keiner mit dem schrecklichen Vorwurf gemeint gewesen sein.
Wie sagte schon Lao-Tse? „Die geflügelten Worte werden gelogen sein, wenn sie dereinst schnell wie ein Blitz um die Erde fliegen.“

