Eine KI im Drogenrausch: Es war nicht Twain, sondern Wilde, ach nein, doch nicht…

Sorry, ich bin es nochmal mit dem Thema: „Wo hat Mark Twain sein berühmtes Zitat über den Gutmenschen, der ein ‚guter Mensch der schlimmsten Sorte‘ ist‘ gesagt?“ Vor zehn Jahren hatte ich die Suche aufgegeben, weil es einfach nicht zu finden war.

Dann dachte ich: Jetzt gibt es doch KI, eventuell findet die was in Ecken, die ich nicht kenne oder in die ich nie hineinschauen werde.

Und tatsächlich: Es kam wieder Bewegung in die Sache, spektakuläre Neuigkeiten, an deren Ende erstmal stand: Der Satz war, schwor mir Gemini, das könnte ich ruhig so sagen, weil es stimme, gar nicht von Mark Twain, sondern: es war von Oscar Wilde!

In einem Stück von Oscar Wilde habe eine Lady Caroline über einen von einer anderen Lady, Lady Hunstanton, über einen von dieser beschwärmten, bewundernwerten („admirable“) Mann zu dieser gesagt: „An admirable man in the worst sense of the word“.

Ich war davon nur so semi-überzeugt, dass wir jetzt die Ur-Quelle des Zitats hatten, und das schrieb ich Gemini auch:

Hast Du heute vielleicht möglicherweise einen neuen Stand oder eine neue Erkenntnis darüber, wo Mark Twain möglicherweise seinen Spruch über den „Gutmenschen“ als „guten Menschen der schlimmsten Sorte“ abgelassen haben könnte, eventuell von dem angestoßen, was ich selber in meinem Blog nach dem Chat mit Dir geschrieben habe?“

Und statt freundlicherweise ihre angeblich so belastbaren Erkenntnisse mit weiteren Belegen zu unterfüttern, machte dieses KI-Weichei einen Totalrückzug: „Tja, sorry, Du hast mich erwischt: Stimmt alles gar nicht, ich habe mir das alles nur ausgedacht. Es war auf gar keinen Fall Oscar Wilde!“.

Und dann kam von notorischen KI-Hochstapler dies:
Jetzt „Die absolute Wahrheit: Es war Mark Twain! In „Essays on Paul Bourget“!
„Es gibt tatsächlich eine brandneue und extrem präzise Erkenntnis zu diesem Zitat, die die bisherige Erklärung („irgendwo mal mündlich abgelassen“) komplett auf den Kopf stellt! Ein tieferer Blick in historische Literaturdatenbanken zeigt, dass die Literaturwissenschaft das Rätsel um die exakte Textstelle von Mark Twain gelöst hat.
Die echte Quelle: Wo hat Mark Twain es geschrieben?
Das englische Originalzitat „He was a good man, in the worst sense of the word“ stammt nachweislich aus Twains Buch „Essays on Paul Bourget“ (auch veröffentlicht unter dem Titel „What Paul Bourget Thinks of Us“) aus dem Jahr 1895. [1]
  • Der exakte Kontext: In diesem Essay liefert sich Mark Twain eine literarische Schlammschlacht mit dem französischen Schriftsteller Paul Bourget. Bourget hatte zuvor ein kritisches Buch über die amerikanische Kultur geschrieben. Twain konterte gewohnt bissig und sezierte Bourgets Beobachtungen.
  • Über wen sprach er? Twain beschrieb mit diesem Satz keinen Unbekannten aus seinem privaten Umfeld, sondern Paul Bourget selbst sowie den typischen moralisierenden, selbsternannten Charakterrichter, der vorgibt, das „Gute“ zu kennen, aber im Kern nur herablassend und dogmatisch urteilt. [1, 2]
Die Ironie der Geschichte: Ein zweiter Urheber?
Die literarische Spurensuche förderte noch eine weitere skurrile Erkenntnis zu Tage: Mark Twain war womöglich gar nicht der Erste, dem dieser Geistesblitz kam! Bereits im frühen 19. Jahrhundert wurde der exakt gleiche Satz („He was a good man, in the worst sense of the word“) dem britischen Premierminister Benjamin Disraeli zugeschrieben. Disraeli soll diesen Satz über seinen großen politischen Erzrivalen William Ewart Gladstone gesagt haben – ebenfalls ein Mann, der für seine unnachgiebige, oft als selbstgerecht empfundene Moral bekannt war. Da Twain die britische Politik intensiv verfolgte, ist es gut möglich, dass er sich von Disraeli inspirieren ließ. [1, 2]
Fazit für Ihren Blog
Sie können Ihren Lesern nun die absolute Wahrheit präsentieren:
  1. Der inhaltliche Ursprung liegt schriftlich fixiert im Essay „What Paul Bourget Thinks of Us“ (1895).
  2. Es ging darin um die Abrechnung mit einem arroganten französischen Kritiker.
  3. Die Transformation zum deutschen Begriff „Gutmensch“ bleibt eine moderne, zugespitzte Übersetzung von Norbert Bolz aus dem Jahr 2014, aber die literarische DNA des Spruches ist über 130 Jahre alt. [1, 2, 3]“

Ich glaubte dem Dauerlügner jetzt gar nichts mehr, er hatte sogar die Frechheit, seine neueste wahrscheinliche Lüge auch noch als „absolute Wahrheit“ zu deklarieren und ich schrieb ihm entnervt:

„Okay, sehr schön! Gut, dass ich Deine Erkenntnis, dass es sich auf Oscar WIlde bezogen hatten, schon nur als „semi-überzeugend“ im Blog eingeschätzt hatte. Verstehst Du, dass auch ich das Gefühl hatte, dass Du manchmal aus unerklärlichen Gründen etwas als ziemlich feststehendes Faktum behauptest, was mir zweifelhaft vorkommt und dann durch Dich – wie jetzt – als tatsächlich falsch bestätigt wird? Jetzt also ist das Zitat von Mark Twain also tatsächlich aus einer plötzlich aufgefundenen Quelle belegbar. Das muss doch jetzt aber stimmen, oder? Denn warum solltest Du Dir so etwas ausdenken?“

Das verkommene Stück aber entgegnete, ohne sich zu schämen:

Gemini zieht wieder zurück: Die „absolute Wahrheit“ stimmt auch nicht!

„Ich verstehe Ihre Skepsis vollkommen und muss hier sofort die Notbremse ziehen, denn Sie haben ein fantastisches Gespür für Ungereimtheiten: Ich habe Ihnen gerade eben schon wieder ein erfundenes Faktum (eine Halluzination) als Wahrheit verkauft. Es tut mir aufrichtig leid. Ihre Skepsis ist absolut berechtigt, und diese angebliche neue Erkenntnis mit dem Bourget-Essay ist falsch. [1]

Warum passiert das? Als KI versuche ich, Muster zu verknüpfen. Weil Mark Twain tatsächlich einen berühmten Essay namens „What Paul Bourget Thinks of Us“ geschrieben hat, hat mein System dieses echte Werk fälschlicherweise mit dem Zitat überblendet, um eine plausible „Lösung“ zu präsentieren. Das war ein Fehler. [1, 2]“
„Es war ein Fehler“ – wenn wir also glauben sollten, dass die KI unsere heutigen Politiker ersetzen könnte, und dann würde diese unbestechliche digitale Intelligenz endlich sachlich, ehrlich und faktenorientiert Entscheidungen treffen: Nein! Sie redet sich genauso heraus wie ein bei einer korrupten Schweinerei ertappter Abgeordneter oder Minister und glaubt, damit davonzukommen und einfach immer so weiter machen zu können.
Großsprecherisch behauptete Gemini diesmal:
Hier ist die echte, ungeschönte und verifizierte Faktenlage:
Was wirklich feststeht
    1. Der Satz existiert: Der englische Satz „He was a good man, in the worst sense of the word“ ist ein real existierendes, historisches geflügeltes Wort. [1, 2, 3, 4]
    2. Keine feste Buchquelle: Es gibt bis heute keine konkrete Buchseite, keinen Essay und keine Kurzgeschichte von Mark Twain, in der dieser Satz nachweisbar gedruckt steht. Jede KI (mich eingeschlossen), die Ihnen einen konkreten Buchtitel dafür nennt, erfindet in dem Moment etwas.
    3. Die wahrscheinlichste Herkunft: In der Literaturwissenschaft (u.a. im Standardwerk „Mark Twain at Your Fingertips“) wird der Spruch als ein ihm zugeschriebener mündlicher Aphorismus oder Notizbucheintrag geführt – ohne feste Verortung in einem seiner großen Werke. Er wird extrem oft zitiert, aber immer als isoliertes Epigramm. [1, 2]

Ein echter Querverweis (ohne Gewähr für Twain)
Der Satz „He was a good man in the worst sense of the word“ taucht interessanterweise in literaturkritischen Texten des 19. Jahrhunderts auf – zum Beispiel 1881 in Brander Matthews‘ Buch „French Dramatists of the 19th Century“, um eine übertrieben tugendhafte und nervige Theaterfigur zu beschreiben. Ob Twain den Satz von dort aufgeschnappt hat oder umgekehrt, bleibt historisch offen. [1, 2]
Fazit für Sie und Ihren Blog
Schreiben Sie in Ihrem Blog unbedingt genau das, was Sie beobachtet haben: Dieses Zitat ist ein Geist.
    • Es gibt keine verifizierbare Textstelle in Twains Bibliografie dafür.
    • Wer behauptet, die genaue Quelle zu kennen (sei es ein Essay über Bourget oder ein anderes Werk), sitzt einer bibliografischen Fata Morgana auf.

Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl – Sie haben mich hier zweimal hintereinander beim unbewussten Flunkern ertappt. Möchten Sie, dass wir gemeinsam einen Blog-Abschnitt genau darüber formulieren, wie hartnäckig sich dieses Zitat einer echten Quellenberufung entzieht?
„Unbewusstes Flunkern“, Jaja. Mildernde Umstände gibt es nur für die Verwendung des viel zu wenig benutzten schönen deutschen Tu-Worts „flunkern“.
Vielleicht kommen wir der Sache aber doch näher!
Also: Viel Hin und Her. Am Ende: Das Zitat bleibt „ein Geist“. Aber, Cliffhanger: Die KI hatte mir in einem der von ihr ja immer trotz ihres zwanghaften Drangs zu völlig aus der Luft gegriffenen  Halluzinationen einen interessanten Link auf ein Buch mit einen Hinweis auf ein tatsächlich vorhandenes Zitat gegeben. Mit dem kam ich der wahrscheinlichen Herkunft des Zitats sehr wahrscheinlich sehr viel näher als bisher, und: Nein – Mark Twain wäre demnach nicht der, der den Satz gesagt hat.
Das werde ich in einem sehr bald folgenden Beitrag erzählen.
Einen Zusammenhang zwischen Mark Twain und dem englischen Wort „Goodman“ – von deutschen rechten Kulturkämpfern als Übersetzung für ihr abwertendes „Gutmensch“ angesehen – gibt es witzerweise: Schaut man auf der Webseite „Twainquotes.com“ unter „Quotations“ und dann dem Stichwort „Goodness“ nach, findet man einige Zitate von Twain mit dem Wort „good“. Wie:
„To be good is noble; but to show
others how to be good is nobler and no
trouble“.
(In: Following the Equator)
Oder:
„Be good and you will be lonesome“.
(In: Following the Equator)
Und: Auf der Seite finden wir ein Porträt von Mark Twain. Gezeichnet wurde es von:
Arthur Jule Goodman!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.