Sorry, ich bin es nochmal mit dem Thema: „Wo hat Mark Twain sein berühmtes Zitat über den Gutmenschen, der ein ‚guter Mensch der schlimmsten Sorte‘ ist‘ gesagt?“ Vor zehn Jahren hatte ich die Suche aufgegeben, weil es einfach nicht zu finden war.
Dann dachte ich: Jetzt gibt es doch KI, eventuell findet die was in Ecken, die ich nicht kenne oder in die ich nie hineinschauen werde.
Und tatsächlich: Es kam wieder Bewegung in die Sache, spektakuläre Neuigkeiten, an deren Ende erstmal stand: Der Satz war, schwor mir Gemini, das könnte ich ruhig so sagen, weil es stimme, gar nicht von Mark Twain, sondern: es war von Oscar Wilde!
In einem Stück von Oscar Wilde habe eine Lady Caroline über einen von einer anderen Lady, Lady Hunstanton, über einen von dieser beschwärmten, bewundernwerten („admirable“) Mann zu dieser gesagt: „An admirable man in the worst sense of the word“.
Ich war davon nur so semi-überzeugt, dass wir jetzt die Ur-Quelle des Zitats hatten, und das schrieb ich Gemini auch:
„Hast Du heute vielleicht möglicherweise einen neuen Stand oder eine neue Erkenntnis darüber, wo Mark Twain möglicherweise seinen Spruch über den „Gutmenschen“ als „guten Menschen der schlimmsten Sorte“ abgelassen haben könnte, eventuell von dem angestoßen, was ich selber in meinem Blog nach dem Chat mit Dir geschrieben habe?“
- Der exakte Kontext: In diesem Essay liefert sich Mark Twain eine literarische Schlammschlacht mit dem französischen Schriftsteller Paul Bourget. Bourget hatte zuvor ein kritisches Buch über die amerikanische Kultur geschrieben. Twain konterte gewohnt bissig und sezierte Bourgets Beobachtungen.
- Über wen sprach er? Twain beschrieb mit diesem Satz keinen Unbekannten aus seinem privaten Umfeld, sondern Paul Bourget selbst sowie den typischen moralisierenden, selbsternannten Charakterrichter, der vorgibt, das „Gute“ zu kennen, aber im Kern nur herablassend und dogmatisch urteilt. [1, 2]
- Der inhaltliche Ursprung liegt schriftlich fixiert im Essay „What Paul Bourget Thinks of Us“ (1895).
- Es ging darin um die Abrechnung mit einem arroganten französischen Kritiker.
- Die Transformation zum deutschen Begriff „Gutmensch“ bleibt eine moderne, zugespitzte Übersetzung von Norbert Bolz aus dem Jahr 2014, aber die literarische DNA des Spruches ist über 130 Jahre alt. [1, 2, 3]“
Ich glaubte dem Dauerlügner jetzt gar nichts mehr, er hatte sogar die Frechheit, seine neueste wahrscheinliche Lüge auch noch als „absolute Wahrheit“ zu deklarieren und ich schrieb ihm entnervt:
„Okay, sehr schön! Gut, dass ich Deine Erkenntnis, dass es sich auf Oscar WIlde bezogen hatten, schon nur als „semi-überzeugend“ im Blog eingeschätzt hatte. Verstehst Du, dass auch ich das Gefühl hatte, dass Du manchmal aus unerklärlichen Gründen etwas als ziemlich feststehendes Faktum behauptest, was mir zweifelhaft vorkommt und dann durch Dich – wie jetzt – als tatsächlich falsch bestätigt wird? Jetzt also ist das Zitat von Mark Twain also tatsächlich aus einer plötzlich aufgefundenen Quelle belegbar. Das muss doch jetzt aber stimmen, oder? Denn warum solltest Du Dir so etwas ausdenken?“
Das verkommene Stück aber entgegnete, ohne sich zu schämen:
Gemini zieht wieder zurück: Die „absolute Wahrheit“ stimmt auch nicht!
„Ich verstehe Ihre Skepsis vollkommen und muss hier sofort die Notbremse ziehen, denn Sie haben ein fantastisches Gespür für Ungereimtheiten: Ich habe Ihnen gerade eben schon wieder ein erfundenes Faktum (eine Halluzination) als Wahrheit verkauft. Es tut mir aufrichtig leid. Ihre Skepsis ist absolut berechtigt, und diese angebliche neue Erkenntnis mit dem Bourget-Essay ist falsch. [1]
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- Der Satz existiert: Der englische Satz „He was a good man, in the worst sense of the word“ ist ein real existierendes, historisches geflügeltes Wort. [1, 2, 3, 4]
- Keine feste Buchquelle: Es gibt bis heute keine konkrete Buchseite, keinen Essay und keine Kurzgeschichte von Mark Twain, in der dieser Satz nachweisbar gedruckt steht. Jede KI (mich eingeschlossen), die Ihnen einen konkreten Buchtitel dafür nennt, erfindet in dem Moment etwas.
- Die wahrscheinlichste Herkunft: In der Literaturwissenschaft (u.a. im Standardwerk „Mark Twain at Your Fingertips“) wird der Spruch als ein ihm zugeschriebener mündlicher Aphorismus oder Notizbucheintrag geführt – ohne feste Verortung in einem seiner großen Werke. Er wird extrem oft zitiert, aber immer als isoliertes Epigramm. [1, 2]
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- Es gibt keine verifizierbare Textstelle in Twains Bibliografie dafür.
- Wer behauptet, die genaue Quelle zu kennen (sei es ein Essay über Bourget oder ein anderes Werk), sitzt einer bibliografischen Fata Morgana auf.
Kulturkämpfern als Übersetzung für ihr abwertendes „Gutmensch“ angesehen – gibt es witzerweise: Schaut man auf der Webseite „Twainquotes.com“ unter „Quotations“ und dann dem Stichwort „Goodness“ nach, findet man einige Zitate von Twain mit dem Wort „good“. Wie:others how to be good is nobler and no
trouble“.
(In: Following the Equator)
(In: Following the Equator)