Elif Eralp hat Angst, hämt der „Spiegel“ – Fürchtet sie „um das Wohl ihrer Lieben und um ihr eigenes“?
Warum habe ich „Angst“? Wohl, weil ich eine mögliche Gefahr erwarte. Mein Geist und mein Körper stellen sich darauf ein: Um die Flucht zu ergreifen oder um im Gegenteil mich tapfer in den Kampf zu werfen.
Wie macht man eigentlich als Journalist „Angst“ als Faktum fest? Müssen wir Menschen nicht alle eine Fähigkeit zur Angst haben? Und nur aufpassen, dass sie uns nicht lähmt?
„Ich kann mich und meine Familie nicht für den SPIEGEL in Gefahr bringen“, hatte Elif Eralp in die Anmerkungen zum Interviewtext geschrieben, als Begründung dafür, dass sie die konkrete Person, von der sie eine Gefahr befürchtet, nicht genannt wissen wollte.
Klar, wenn es heisst, Elif Eralp habe Angst vor einem bestimmen Menschen im Umfeld ihrer Partei, dann hat sie es „zugegeben“. Aber, wenn man erfahren hat, dass sie offenbar belegbar „Angst“ hat: was heisst das? Ist sie gelähmt vor Angst? Zittert sie, trifft sie in Panik dumme Entscheidungen? Wird sie diesen Menschen aus dieser wie auch immer aussehenden „Angst“ heraus im Amt mit Samthandschuhen anfassen?
„Dürfen Politiker keine Angst haben?“ fragt Boris Rosenkranz im „Übermedien“-Newsletter. „Haben andere Politiker nicht bisweilen auch die Sorge, dass sie (oder ihre Angehörigen) zum Ziel eines Angriffs werden könnten, ohne sich deshalb in ihrer politischen Arbeit beirren zu lassen?“
Ist es nicht umgekehrt sehr dumm, „keine Angst“ zu haben? Angst, die man nicht einfach als eine gewisse Feigheit ansehen kann, sondern als Sorge, um ihre Kinder und ihren Mann zum Beispiel? Weshalb man ja als Politikerin auch verantwortungsvoll genug ist und, ohne darüber öffentlich zu reden, mit dem LKA Kontakt hat und Ratschläge der Sicherheitsbehörden ernst nimmt?
Politiker sagen dann gerne (und werden so auch ohne weitere Zweifel daran so zitiert): „Es gibt Drohungen gegen meine Familie und mich. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich werde weitermachen“.
Oder: „Natürlich habe ich Angst um meine Familie. Wir reden darüber miteinander. Aber: Ich mache weiter“.
Auch Elif Eralp sagte so etwas, nachdem der „Spiegel“, gegen ihren Willen, ihre Angst vor einem bestimmten Mann öffenlich gemacht hatte.
„Ich habe ganz klar gesagt, ich werde mich von niemandem einschüchtern lassen. Und dass man sich Sorgen um seine eigene Familie macht, das ist, glaube ich, ganz normal und selbstverständlich.“
Im „Stern“ sagte ihr Parteifreund Bodo Ramelow, viele Jahre thüringischer Ministerpräsident: „Ich selbst habe das durch, wie in der Zeit, als ich Ministerpräsident war, plötzlich meine Kinder bedroht wurden, wie aus ihnen Zielscheiben wurden. Am schlimmsten hat es damals meine Frau getroffen. Das fasst mich bis heute an“.
Könnte man das, was Ramelow da gefühlt hatte, auch als „Angst“ bezeichnen? Macht ihn das im Nachhinein ungeeignet für den Job, den er doch knapp zehn Jahre lang ausgeführt hat?
Dass man um sich selbst keine Angst hat, sondern „nur“ um seine Familie, die nicht mit hineingezogen werden darf – das ist doch geschenkt. Das hinterfragen Medien normalerweile nicht – wie soll man jemandem auch das Gegenteil („Doch, uns scheint, Sie haben DOCH um sich selbst Angst!?“) nachsagen?
Und wenn man auch noch mit dem LKA Kontakt hat, und das LKA einem rät, dass man nicht sagen soll, vor wem man möglicherweise konkret Angst hat, aber man doch weitermachen und nicht klein beigeben will, wie Elif Eralp:
Wer will jemandem eine Angst vorwerfen, die natürlich dazu gehört, wenn man Risiken eingeht?
Bodo Ramelow empört das im „Stern“-Interview“:
„Eine rein interne Kommunikation wird dazu benutzt, um eine schwache Frau zu zeigen. Das ist ein anachronistisches Klischee. Mit einem Mann wie mir hätte man das sicher nicht gemacht“.
Ja, es klingt durchaus misogyn hämisch, wenn der „Spiegel“ formuliert:
„Hier schreibt eine Frau, die offenbar überzeugt ist, um das Wohl ihrer Liebsten und ihr eigenes fürchten zu müssen.“
Und da plötzlich „entlarvt“ man das, was Elif Eralps männliche Kollegen jedesmal unwidersprochen über ihre Sorge um ihre Familie als Worthülse von sich geben – die aber ja durchaus ehrlich gemeint ist, nur offenbar nicht von der ängstlichen Elif Eralp.
Wenn diese Angst sie lähmen würde, sie also „erpressbar“ würde: Dann hätte sie sich ja von Ibrahim Ibrahim von vornherein nicht distanzieren dürfen. Ihre Partei hätte ihn auch nicht als unerwünschten Gast aus ihrer Wahlparty rauskomplimentiert. Sie hätte sich nicht öffentlich so entschlossen gezeigt, alles für den Schutz von Jüdinnen und Juden zu tun – wenn sie befürchten würde, dass das Hamas- und/oder PFLP-Sympathisanten im Umfeld ihrer Partei provozieren könnte.
Und nach dem „Spiegel“-Artikel über ihre Befürchtungen betonte sie:
„Ich werde ganz konsequent gegen jede Form von organisierter Kriminalität, Gewalt oder Terror vorgehen. Dafür stehe ich bei den Berlinerinnen und Berlinern im Wort und das werde ich auch durchsetzen“
Okay: wenn man es für journalistisch notwendig hält, das, was der Spiegel durch einen dummen Fehler von Elif Eralps Mitarbeitern erfahren hat, berichten zu müssen: Warum belässt man es nicht dabei, das zu berichten und bläst dieses sehr menschliche Gefühl, dass man ein gewisse Angst hat, vielleicht auch einfach nur eine notwendige Vorsicht walten lässt vor allem um seine Kinder, zu ihren Ungunsten auf und macht etwas, was verkommenen Kampagnenmedien wie „Bild“, „Nius“ oder „Welt“ vorbehalten wäre: Man dreht ihr sogar einen Strick daraus: „Wer Angst hat“ (was sie ja nicht öffentlich sagen wollte), scheint für „Spiegel“-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin kaum geeignet zu sein.
Schließlich wolle sie Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden und wäre damit für die Sicherheit von 3,9 Millionen Menschen verantwortlich. „In manchen Rollen darf man sich nicht einschüchtern lassen, muss man seine Angst überwinden.”
Ein wohlfeiler Rat aus dem einigermaßen behaglichen Redaktionssessel. Angst haben, denke ich, anders als Kurbjuweit, ist natürlich und notwendig. Dass man sich als Politikerin davon nicht einschüchtern lassen darf: Das ist dann die eigentliche Leistung der entschlossenen und mutigen Politikerin: Die Angst zu überwinden, beziehungsweise: aus der Angst Schlüsse zu ziehen, die Gefahren zu erkennen und diese zu bekämpfen.
Das zweifelt Kurjuweit bei Eralp an. Angst heisst für den „Spiegel“: Elif Eralp fürchtet sich. „Angst gibt den Angstmachern Macht, in diesem Fall Macht über Berlin(…)Am Ende steht die Sicherheit Berlins über der Sicherheit einer Regierenden Bürgermeisterin.” Das wisse jeder Kandidat für dieses Amt. „Den Angstmachern“ – schreibt das Blatt und müsste mal kurz Selbstreflektion betreiben: Will da etwa der „Spiegel“ den Berlinern ein wenig Angst machen vor einer linken Bürgermeisterin?
„Es wäre untragbar, wenn eine Regierende Bürgermeisterin wichtige politische Äußerungen oder womöglich Entscheidungen davon abhängig machte, dass sie persönlich oder enge Familienangehörige Angst vor bestimmten Personen oder Gruppen haben.“
Angst macht also erpressbar, heisst aber nicht, dass man sich dann wirklich erpressen lässt, wenn es soweit ist. Was für ein erbärmliches Argument, wenn man diese Möglichkeit als Begründung, als journalistische Pflichterfüllung ansieht, gegen den Willen der Betroffenen zu berichten, um vor lauter staatspolitischer Verantworgung von vornherein diese Erpressbarkeit ausschließen zu können,
Bis in die 90er Jahre etwa wussten im politischen Bonn – wie auch in anderen Hauptstädten weltweit – Politikjournalisten oft, wenn Politiker homosexuell waren, berichteten es aber nur sehr, sehr selten. Denn das war dann ein Riesenskandal – wie in der Kaiserzeit die „Harden-Eulenburg-Affäre“. Wer schwul war, war also höchst erpressbar, weil es auf keinen Fall bekanntwerden durfte. Es wäre das Karriereende gewesen.
Angst ist so ein subjektives Gefühl. So ein volatiles Gefühl. Die Fallhöhe und die Möglichkeiten der Bedeutung sind enorm: Angst vor dem Tod; Angst, den Bus zu verpassen; Angst vor dem Scheitern. Wenn man denkt, das journalistische Ethos zwinge einen Medienmenschen, dieses ihm per Zufall bekanntgewordene Gefühl eines Politikers, dessen genaue Bedeutung er gar nicht kennen kann, in solche Halluzinationen zu verfallen, dann stimmt da etwas an den Maßstäben nicht:
„In einer Stadt, in der die potenzielle nächste Landeschefin so etwas schreibt, und zwar nicht in ihr Tagebuch, sondern in ein Dokument, das sie mit den eigenen Leuten teilt, mit ihrem Sprecher, ihrer Landesvorsitzenden, kann von innerer Sicherheit nicht mehr ernsthaft die Rede sein.“
Ein Abgrund an Unsicherheit eröffnet sich, Mord, Totschlag Terror, Chaos wird in Berlin nie gekanntes Ausmaß bekommen.
Willkommen in der Welt der mehr oder weniger krawalligen Medien! Eine solche Fast-Apokalypse für die Bundeshauptstadt wird ernsthaft in einem „Mainstream-Medium“ erhoben und nicht in propagandistischen Hetzmedien, für die solche Szenarien natürlich Routine sind.
Vielleicht hatte ja auch Philip Amthor „Angst“, dass man erfahren könnte, dass er großzügige Geschenke vom Startup „Augustus Intelligence“ bekommen hatte – Luxusreisen, einen Direktorenposten, Aktienoptionen. Er war also theoretisch erpressbar. Bis es dann sowieso aufflog, was ihn sicherlich ärgerte. Aber das waren ja juristisch greifbare Tatbestände. Nicht irgendeine eher ungreifbare „Angst“, die ja auch für sich kein Vergehen und schon gar nicht ein charakterliches Defizit ist, sondern eine natürlich, menschliche und notwendige Regung.
Geschadet hat es Amthor letztendlich überhaupt nicht: Er zog er sich ein bisschen, aber nicht besonders lange zurück und war dann wieder da. Jetzt ist er immerhin Staatsminister für Bund-Länderbeziehungen im Bundeskanzleramt. Wer das begrüßt, weil er den drolligen Jungpolitiker sympathisch und kompetent findet, trotz seiner kurzzeitigen Korruptheit, wird ja nicht ersthaft eine Politikerin dubios finden, weil sie ein nicht justizables und zutiefst menschliches Gefühl, nämlich „Angst“ hat. Angst ist ein überlebenswichtiges Alarmsystem (verrät mir auf die Schnelle die KI): Sie bereitet den Organismus vor – um entweder die Flucht zu ergreifen oder: um sich dem Kampf zu stellen.