{"id":202,"date":"2014-04-23T15:45:08","date_gmt":"2014-04-23T13:45:08","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/?page_id=202"},"modified":"2015-06-30T06:27:48","modified_gmt":"2015-06-30T04:27:48","slug":"sonne-orangen-cadmium","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/?page_id=202","title":{"rendered":"Sonne, Orangen, Cadmium"},"content":{"rendered":"<h6>Ein \u00f6kologischer Abstecher nach S\u00fcdostspanien Januar 1989<\/h6>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Umweltschutz &#8211; auf der iberischen Halbinsel<\/em> <em>ein exotisches Fremdwort? Im Januar dieses Jahres \u00fcbernahm Spanien die Ratspr\u00e4sidentschaft der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft. Als Ministerpr\u00e4sident Gonz\u00e1lez am 2. Januar feierlich die Au\u00dfenminister in Madrid empfing. betonte er in einer Rede, auf welche Bereiche er besonderes Augenmerk legen werde. Er sprach von der Vorbereitung auf die \u00f6ffnung des EG-Binnenmarktes 1992, vom Angehen der Probleme. die sich aus den Unterschieden in der sozialen Absicherung ergeben, au\u00dfenpolitischen Initiativen &#8211; gemeinsame Umweltschutzaktivit\u00e4ten erw\u00e4hnte er kurz an siebter oder achter Stelle seiner Priorit\u00e4ten. Stolz wies er in einem ZEIT-Interview vom Februar 1989 auf die spektakul\u00e4re Wachstumsrate der spanischen Wirtschaft von durchschnittlich<\/em> <em>14 bis 15 Prozent in den letzten drei Jahren hin und meinte, der Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen geh\u00f6re die oberste soziale Priorit\u00e4t. Am Schlu\u00df des Gespr\u00e4ches sagte er, wohl kaum eine m\u00f6gliche \u00f6kologische Katastrophe vor Augen: &#8222;Die Spanier sind ein Volk, das wahrscheinlich mehr auf Trag\u00f6dien als auf Wohlstand eingestellt<\/em> <em>ist .(&#8230;) Aber ich glaube. da\u00df sich das tragische Lebensgef\u00fchl der Spanier allm\u00e4hlich \u00e4ndert.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 &#8222;Die Region Murcia: Land, Obstplantagen und Meer&#8230;&#8220;, begr\u00fc\u00dft den Besucher eine Brosch\u00fcre des Rates f\u00fcr Industrie, Handel und Tourismus der autonomen Provinz Murcia. Sonnenhungrige Touristen erwarten 250 Kilometer K\u00fcste an zwei Meeren, dem Mittelmeer und dem <em>mar menor<\/em>, das von zwei sich begegnenden langgestreckten Halbinseln mit nur einer kleinen Verbindung zum gro\u00dfen <em>mare mediterraneo<\/em> zu einem kleinen Binnenmeer gemacht wird. &#8222;Nutzung des ganzen K\u00fcstengebiets -vor allem des Mar Menor wegen der Stille seines Wassers &#8211; f\u00fcr die Aus\u00fcbung aller Arten von Wassersport&#8220;, verspricht das Heftchen weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Einen ersten Vorgeschmack davon. da\u00df in diesem sonnigen Teil S\u00fcdostspaniens nicht alles den sch\u00f6ngef\u00e4rbten Anpreisungen der Tourismus-F\u00f6rderer entspricht, erhalten wir bei der Fahrt ins Zentrum der Stadt Murcia. Penetrant bringt sich der Flu\u00df Segura, Lebensader von Stadt und Region, immer wieder in Erinnerung. Ein Gestank, \u00e4hnlich den von zu Hause nur allzu bekannten \u00fcbel riechenden Abgasen von Chemiefabriken, st\u00f6rt die milde Fr\u00fchlingsluft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vorzugsweise an Wochenenden, tritt der Segura mehrmals im Jahr \u00fcber die Ufer und \u00fcberschwemmt auch Teile der murcianischen Innenstadt. Sehr zum Verdru\u00df von Ana Reviejo, Reporterin der lokalen Tageszeitung <em>La Opini\u00f3n<\/em>. &#8222;Wir Journalisten m\u00fcssen dann immer \u00dcberstunden machen&#8220;, beklagt sie sich. \u00dcber die Ursache des Gestanks kann sie uns allerdings beruhigen: &#8222;Flu\u00dfaufw\u00e4rts gibt es eine ganze Reihe von Konservenfabriken, die Obst- und Gem\u00fcseabf\u00e4lle in den Flu\u00df einleiten. Es gibt dort keine Chemiefabriken oder andere Schwerindustrie&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ginge es nur um einen mit Bio-Abf\u00e4llen belasteten Flu\u00df &#8211; sicherlich h\u00e4tten sich nicht vorwiegend junge Menschen in Murcia zur <em>\u00c0sociaci\u00f3n de Naturalistas dei Sureste<\/em> zusammengeschlossen. Dem Bild von &#8222;Gr\u00fcnen&#8220;, wie man es sich in Deutschland macht, entsprechen Joaquin, Christina, Ant\u00f3nio, Javier und fast 500 weitere Mitglieder nicht.\u00a0 Vorwiegend Studenten, Naturwissen-schaftler, aber auch junge Gesch\u00e4ftsleute, wirken sie so unalternativ b\u00fcrgerlich, da\u00df sie als jungkonservative Christdemokraten durchgehen k\u00f6nnten. Ihr B\u00fcro in einem Haus in der Innenstadt hat s\u00e4uberlich beschilderte R\u00e4ume f\u00fcr den &#8222;Direktor&#8220;, den Versammlungsraum, das Archiv. In ihrem Engagement sind die freundlichen Leute von ANSE jedoch ein l\u00e4stiger Stachel f\u00fcr die Beh\u00f6rden der Regionalregierung. Immer wieder bringen sie, durch Demonstrationen, Eingaben und Pressearbeit, die bedrohte Situation der Umwelt in das Bewu\u00dftsein der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Wenn man die Stadt Murcia s\u00fcdlich Richtung Meer verl\u00e4\u00dft, erblickt man ein beeindruckendes Panorama. Karge, bizarre Berge umschlie\u00dfen die huerta, das Tal mit seinen zahllosen Orangen und Zitronenplantagen. Bewirtschaftet werden sie meist von Kooperativen; Zusammenschl\u00fcssen der Bauern, um ihre Erzeugnisse gemeinsam vermarkten zu k\u00f6nnen. Eine fruchtbare Landschaft, seit Jahrtausenden besiedelt und umk\u00e4mpft. Immer auch war es ein Kampf gegen die Natur; um das Wasser, von dem immer zu wenig vorhanden war. Alle Epochen kl\u00fcgelten Bew\u00e4sserungssysteme aus. um die heftigen Schwankungen zwischen D\u00fcrre und \u00dcberschwemmungsperioden durch menschliches Eingreifen auszugleichen. Dieses Umweltproblem kennt man hier schon seit Jahrhunderten: Die spanischen Konquistadoren holzten die fr\u00fcher \u00fcppigen Mischw\u00e4lder ab, um ihre gewaltige Armada f\u00fcr die Eroberung Lateinamerikas und gegen die Engl\u00e4nder zu bauen. Seitdem wird der fruchtbare Boden. durch kein Wurzelwerk mehr gehalten, bei \u00fcberschwemmungen weggesp\u00fclt und ist unwiederbringlich verloren.<em> La <\/em> <em>desertificaci\u00f3n<\/em>, das Vorr\u00fccken der W\u00fcste, bedroht heute noch ertragreiche Obstplantagen. Denn auch der Tourismus fordert seinen folgenschweren Tribut. Wasser, f\u00fcr Hotels und Golfpl\u00e4tze an der K\u00fcste abgezogen, fehlt f\u00fcr die Landwirtschaft. Und die W\u00fcste kann noch schneller fortschreiten&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Nach einiger Zeit wird die Landschaft karger. Roter. br\u00f6ckliger&#8216; Boden k\u00fcndet von geringerer Fruchtbarkeit. Daf\u00fcr von etwas anderem: Bodensch\u00e4tzen. Schon Ph\u00f6nizier,\u00a0 Karthager,\u00a0 Griechen<br \/>\nund R\u00f6mer wu\u00dften um den Mineralienreichtum S\u00fcdostspaniens. Das Gestein des Sancti Spiritu-Gebirges war und ist prall gef\u00fcllt mit Kupfer, Blei, Mangan und Zink.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mit uns fahren Carmen, Xavier, Juan Lu\u00eds und Ant\u00f3nio von ANSE. Die zwanzig- bis drei\u00dfigj\u00e4hrigen jungen <em>&#8222;ecologistas<\/em>&#8220; wollen uns eine &#8222;Attraktion&#8220; zeigen, auf die uns wohl kaum das Fremdenverkehrsamt aufmerksam gemacht h\u00e4tte. Nachdem wir die Industriestadt Cartagena durchquert haben, gelangen wir zu einer etwas au\u00dferhalb der Stadt gelegenen Meeresbucht. Eingebettet zwischen die hohen Ausl\u00e4ufer der <em>Sierra de la Fausilla<\/em>, die hier bis ans Meeresufer reichen, erblicken wir ein Bild von \u00fcberw\u00e4ltigend beklemmender Unwirklichkeit. Es k\u00f6nnte von einer Fantasy-Schallplattenh\u00fclle stammen: Menschenleer erstreckt sich vor uns ein schwarzer Strand. An den Felsw\u00e4nden entlang verlaufen zwei parallele Rohre. deren Ende und Aufgabe man erst erkennt, wenn man ihrem Verlauf \u00fcber 200 Meter gefolgt ist (wozu man sich auf den unheimlichen au\u00dfer planetarischen Sand begeben mu\u00df).<br \/>\nAus den Ausl\u00e4ufen der beiden Rohre ergie\u00dft sich in zwei dicken, kraftvollen Strahlen eine graue Fl\u00fcssigkeit. Sie bildet einen kleinen See, verl\u00e4uft langsam in einer Art Pril und vereinigt sich schlie\u00dflich mit dem widerstrebenden Meer. Die aufbrechenden Wellen. noch tiefblau. weisen an ihrer Spitze schon die scharf davon abgesetzte Grauf\u00e4rbung auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8222;Im Sommer wetteifern hier die Kinder der Dorfbewohner darum. wer am l\u00e4ngsten dem Druck des Strahls standhalten kann&#8220;, erz\u00e4hlt uns Ant\u00f3nio, ein 27-j\u00e4hriger Tierarzt. Er ist Vertreter der ANSE in Cartagena. &#8222;Ihre Eltern lassen sie. Sie sonnen sich hier ja selber.&#8220;<br \/>\nWir entsinnen uns der mi\u00dftrauischen Blicke, als wir, Fremde und spanische &#8222;Gr\u00fcne&#8220;,\u00a0 das kleine Dorf durchfuhren. Aus Angst um ihre Arbeitspl\u00e4tze in diesem Gebiet mit einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von etwa 20% verschlie\u00dfen die Einheimischen die Augen vor der Tatsache. da\u00df sie ihr Strandvergn\u00fcgen auf konzen-triertem, hochgiftigem Abfall genie\u00dfen. Denn aus nichts anderem besteht diese Stelle, an der fr\u00fcher das Meer bis zu den Felsen reichte. Um die begehrten Stoffe aus dem Gestein und von unerw\u00fcnschten Abfallstoffen zu befreien, werden sie in Gesteinswaschanlagen mit hochgiftigen S\u00e4uren behandelt. Diesen toxischen Sud lassen kleinere Gesellschaften in die ramblas flie\u00dfen,<br \/>\nkleine Flu\u00dfl\u00e4ufe, die einst der Bew\u00e4sserung dienten, heute aber durch die Einleitungen biologisch mausetot sind. 8.000 Tonnen pro Tag leitet die gr\u00f6\u00dfte Mineraliengewinnungsfirma <em>Pe\u00f1arroya<\/em> \u00fcber Rohre direkt in das Mittelmeer. Die einheimischen Sommerfrischler tanzen auf einem Vulkan. 80% von ihnen werden an Krebs sterben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Diese grausige Zahl nennt uns Enrique C\u00edller, Diplom-Biologe und Sprecher der eurokommunistischen PCE in Murcia, den wir sp\u00e4ter dort treffen. Die Kommunisten haben im Regionalparlament der autonomen Provinz Murcia nur einen Sitz, sind aber die einzige politische Partei, die sich \u00fcber blo\u00dfen Landschaftsschutz hinaus mit den unumkehrbaren Zerst\u00f6rungen besch\u00e4ftigt, welche der unbek\u00fcmmerte Umgang mit dem Rohstoff Natur verursacht. &#8222;Wir haben sehr viele unterschiedlich gelagerte \u00f6kologische Probleme in Murcia. Obwohl es nur eine kleine Provinz ist, gibt es das Problem des Vorr\u00fcckens der W\u00fcste, der Giftstoffbelastung des Seguraflusses, der Zerst\u00f6rung unserer Fauna&#8220;, sagt Enrique. &#8222;Der Stand unserer Industrialisierung beruht noch auf alten Strukturen, welche Probleme der \u00f6kologie nat\u00fcrlich noch nicht ber\u00fccksichtigt haben. Die Belastung des Bodens ist so stark, da\u00df sie nicht reversibel ist, ebenso des Wassers, bei dem eine grundlegende Befreiung von Verunreinigungen Milliarden von Pesetas kosten w\u00fcrde.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Und so l\u00e4\u00dft man eben alles beim Alten. Fr\u00fcher hatte man die t\u00f6dliche graue Br\u00fche einfach in den Hafen von Portman geleitet, wo auch ein Gro\u00dfteil der abgebauten Mineralien f\u00fcr den Export verschifft wurden. Bis er so mit Schlacken angef\u00fcllt war! da\u00df die Schiffe nicht mehr in ihn hineinkamen. Der um die Jahrhundertwende bis zu 25 Meter tiefe Hafen ist heute ein &#8211; Badestrand! Nur dort also, wo die Umweltzerst\u00f6rung so gr\u00fcndlich betrieben worden ist. da\u00df sie auch direkte wirtschaftliche Unbequemlichkeiten .verursacht, beginnen die Verantwortlichen, sich L\u00f6sungen auszudenken. Und sch\u00fctten einfach die n\u00e4chste Bucht zu&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Die Fische, die hier aus dem Meer gefangen werden, sind f\u00fcnf mal st\u00e4rker mit Schwermetallen belastet, als es die Weltern\u00e4hrungsorganisation FAO zul\u00e4\u00dft. Dennoch werden sie verkauft und verspeist, sagt Enrique.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0 Wir verlassen das Meer wieder und fahren ein St\u00fcck landeinw\u00e4rts. Nichtasphaltierte schlammige Pisten f\u00fchren vorbei an toten Bergen, deren wertvolle Gesteinsschichten ausgeschlachtet worden sind. Der Eindruck von Stabilit\u00e4t. den ihre kahlen Felsen erwecken, t\u00e4uscht. Vielfach ausund unterh\u00f6hlt, haben sie oft nur noch die Festigkeit eines Sandh\u00fcgels.<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Es dunkelt schon, als wir in dem kleinen Dorf Llano deI Beal ankommen. Die beginnende D\u00e4mmerung macht das Szenario noch unheimlicher, als es ohnehin schon ist: Eine riesige Mondlandschaft bietet sich uns dar, aufgeworfene Erdh\u00fcgel, zweckm\u00e4\u00dfig planierte Pisten f\u00fcr LKW&#8217;s, der st\u00e4ndig h\u00f6rbare L\u00e4rm der H\u00f6llenmaschinen, die sich fast hundert Meter tief in den Kratern des Tagebaus uners\u00e4ttlich weiter in die Erde hineinfr\u00e4sen. Gleich am Dorfeingang steht eine provisorisch zusammengezimmerte Holzh\u00fctte. an der Transparente h\u00e4ngen: &#8222;Schlu\u00df mit sozialer Ungerechtigkeit. Schlu\u00df mit der Diktatur!&#8220; &#8222;Wo ist der Wechsel, den wir gew\u00e4hlt haben? La\u00dft dieses Dorf in Frieden leben!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 <em>Pe\u00f1arroya<\/em> wollte den Mineralabbau bis an die unmittelbare Grenze des Dorfes vorschieben. Denn die fetten Jahre der Ausbeutung, als man nur ein bi\u00dfchen am Boden kratzen mu\u00dfte, um an seine Sch\u00e4tze zu gelangen, gehen zu Ende. So wirft man sich jetzt auf jedes St\u00fcck Erde, das man bisher noch verschonte. Der Krater, den die Schaufelradbagger direkt neben die ersten H\u00e4user von Llano del Beal setzen sollten, h\u00e4tte unter dem Dorf Erdverschiebungen hervorgerufen. Die k\u00fcnstlichen Berge aus dem Abbauschutt w\u00fcrden ihm vier Stunden Sonne t\u00e4glich nehmen.<br \/>\nDie Bewohner begannen sich zu wehren. Im Juni 1988 fuhren sie mit einer Delegation nach Br\u00fcsseI, um am Sitz des Rates der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft zu protestieren. Vor Ort selbst nahmen nur wenige die Forderungen des Dorfes auf. Die Firma <em>Pe\u00f1arroya<\/em> ist m\u00e4chtig und stellt in dieser Region, mit ihrer gro\u00dfen Arbeitslosigkeit wichtige Arbeitspl\u00e4tze. Auch die sozialistische Gewerkschaft UGT vertritt nat\u00fcrlich die Interessen der Besch\u00e4ftigten bei <em>Pe\u00f1arroya<\/em> und hat f\u00fcr das Anliegen der Bewohner, ihr Dorf zu erhalten, nur wenig \u00fcbrig &#8211; zumal fast keiner von ihnen mehr im Bergbau arbeitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0 Immerhin hat die Begegnung mit der unbek\u00fcmmerten Landschaftszerst\u00f6rung, die unmittelbar den eigenen Lebensbereich bedroht, das Bewu\u00dftsein f\u00fcr \u00f6kologische Zusammenh\u00e4nge gesch\u00e4rft. Anders als wenige Kilometer entfernt, in Cartagena, sind die Vertreter der ANSE hier als Freunde willkommen geheissene G\u00e4ste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0 Vieles skandal\u00f6ses\u00a0 \u00fcber ihre Region wissen uns die engagierten Umweltsch\u00fctzer von ANSE noch zu berichten und zu zeigen. Zum Beispiel die Raffinerie der spanischen Erd\u00f6lgesellschaft<em> campsa<\/em>, die, ohne Filter und fast ohne staatliche Kontrolle, munter Schadstoffe emitiert. Es gibt keine Informationen \u00fcber die Belastungen der Luft, die dadurch hervorgerufen werden. Juan Lu\u00eds, der direct\u00f3r von ANSE und ihr Spezialist f\u00fcr Botanik, meint: &#8222;Wir wissen, da\u00df es hier sauren Regen gibt, der bestimmte Baumarten angreift. Gezielte Forschungen gibt es aber noch nicht.&#8220;<br \/>\nIn Cartagena soll eine neue Fabrik des amerikanischen Multikonzerns <em>General Electric<\/em> f\u00fcr Plastik und Silikone errichtet werden, die zwar neue Arbeitspl\u00e4tze bringen wird, aber in ihren Auswirkungen auf diese schwer umweltgesch\u00e4digte Gegend kaum absch\u00e4tzbare neue Risiken verspricht. In Bergen op Zoom (Niederlande), wo der Konzern bisher seine gr\u00f6\u00dfte europ\u00e4ische Niederlassung hat, bestehen keine weiteren Expansionsm\u00f6glichkeiten; die ecologistas vermuten aber auch, da\u00df Spanien mit seinen h\u00f6heren oder noch gar nicht vorhandenen Grenzwerten lockt. Denn wenn man sich in der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft auf gemeinsame Grenzwerte f\u00fcr Schadstoffemissionen geeinigt haben wird, so werden diese sicherlich h\u00f6her sein als die der Niederlande oder der Bundesrepublik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die auch in Murcia regierenden spanischen Sozialisten setzen, getreu der Politik ihres Ministerpr\u00e4sidenten Felipe Gonz\u00e1lez, auf das schnellstm\u00f6gliche Erreichen eines nordeurop\u00e4ischen Industrialisierungsniveaus. Sie wollen gut ger\u00fcstet in das Jahr 1992 gehen, wenn der EG-Binnenmarkt ge\u00f6ffnet wird. Deshalb gibt es, wie in Madrid, auch in der Provinz keinen eigenen Umweltminister, der diesem Ziel mit Kompetenzen lund negativen Gutachten in die Quere kommen k\u00f6nnte. Erst 1987 wurde die <em>Agencia dei Medio Ambiente<\/em> gegr\u00fcndet. Chef dieser untergeordneten Regierungsbeh\u00f6rde ist seit M\u00e4rz 1988 Lopez Baeza. Sein Vorg\u00e4nger, der Geographie-Professor Lopez Bermudez, hatte nach sechs Monaten resigniert das Handtuch geworfen. Der Schwere der \u00f6kologischen Probleme in seiner Region bewu\u00dft, hatte er eine Reihe von Ideen und Initiativen entwickelt und einige Kapazit\u00e4tender \u00f6kologischen Wissenschaften nach Murcia gezogen. die begeistert von dem neuen Umweltbewu\u00dftsein der Regierung waren. Luis Ramirez, auch international anerkannter Professor f\u00fcr &#8222;ecologia&#8220;, kam an die lokale Universit\u00e4t.<br \/>\nDie Kompetenz und Beharrlichkeit dieser Fachm\u00e4nner lie\u00df die Administration bei jeder ihrer Eingaben und Vorlagen &#8222;vor Ehrfurcht erstarren&#8220;, wie Enrique Ciller sagt, &#8222;daraufhin haben sich die anderen Ministerien zusammengesetzt und die <em>agencia<\/em> isoliert. Man hat sie \u00f6konomisch und politisch &#8218;erw\u00fcrgt&#8216;. Sehr viele Unterlagen sind einfach verschwunden&#8220;. Heute hat die Beh\u00f6rde kaum gr\u00f6\u00dfere Eingriffsm\u00f6glichkeiten, als &#8222;nasses Papier&#8220; zu produzieren und so nette Aktionen wie den &#8222;Tag des Baumes&#8220; zu veranstalten. Aus B\u00f6swilligkeit oder Unf\u00e4higkeit lie\u00df die <em>agencia<\/em> 1,5 Milliarden Peseten (etwa 25 Millionen DM), die sie 1988 von der EG f\u00fcr ein Projekt gegen die <em>desertificaci\u00f3n<\/em> bekommen hatte, einfach verfallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0 Immerhin hat die Arbeit dieser M\u00e4nner in der \u00f6ffentlichkeit Spuren hinterlassen. Jede Woche schreibt Professor Ramirez einen ganzseitigen Artikel in <em>la Opini\u00f3n, <\/em>wo er auf die vielf\u00e4ltigen Probleme der Umwelt in der Region hinweist. Regelm\u00e4\u00dfig wird auch \u00fcber Aktionen der ANSE und anderer Umweltschutzorganisationen berichtet.<br \/>\nEin omin\u00f6ser junger Mann hat sogar spektakul\u00e4r die Gr\u00fcndung einer gr\u00fcnen Partei inszeniert, ist danach allerdings verschwunden und nicht mehr auffindbar&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mit Lopez Baeza hat seine Partei nun den regierungsloyalen und kompromi\u00dfbereiten Direktor, den sie in diesem Amt braucht. Die Kommunisten und Umweltschutzorganisationen werfen ihm nicht nur vor, da\u00df er fachlich inkompetent sei, sondern da\u00df er eigentlich auch kein Interesse f\u00fcr die \u00f6kologie habe. Diesen Eindruck haben auch wir bei einem Interview, zu dem er uns empf\u00e4ngt. Als wir ihn auf verschiedene Mi\u00dfst\u00e4nde und m\u00f6gliche Gegenma\u00dfnahmen ansprechen, meint Se\u00f1or Baeza:<br \/>\n&#8222;In Deutschland hat sich der Umweltschutzgedanke, mit konkreten Auswirkungen auf das politische Handeln, zu einem Zeitpunkt durchgesetzt, als es einen gewissen, sehr hohen Industrialisie-rungsgrad erreicht hatte, den Spanien erst noch erreichen mu\u00df.\u00a0 Beispiel: Die Autobahnen. Wir hier in Spanien werden erst noch eine Reihe von Autobahnen bauen m\u00fcssen, bevor wir uns Problemen des Umweltschutzes zuwenden k\u00f6nnen&#8220;.<br \/>\nWir werfen ein, Spanien k\u00f6nne doch auch versuchen, aus den schlechten Erfahrungen hochindustrialisierter L\u00e4nder zu lernen und z.B. schon viel fr\u00fcher mit bestimmten Gegenma\u00dfnahmen beginnen, Dies l\u00e4\u00dft er nicht gelten:<br \/>\n&#8222;Wir m\u00fcssen uns zuerst dem Stand der deutschen Infrastruktur angleichen; H\u00e4user, Heizungen, sehr viele andere Dinge, die es in Spanien noch nicht gibt. Wir d\u00fcrfen die von den h\u00f6her entwickelten L\u00e4ndern in der EG aufgestellten Normen nicht au\u00dfer Acht lassen, nichtsdestotrotz hat aber Spanien das gleiche Recht wie diese L\u00e4nder auf das Erreichen eines gewissen industriellen Niveaus. So werden wir die \u00f6kologischen Fehler. die z.B. die Deutschen fr\u00fcher bei ihrem forcierten Autobahnausbau gemacht haben, notfalls auch<br \/>\nhinnehmen, werden aber nat\u00fcrlich versuchen. so weit es geht, solche Fehler zu vermeiden&#8220;.<br \/>\nIm Ganzen sieht Se\u00f1or Baeza die \u00f6kologische Situation in seinem Amtsbereich als nicht besonders besorgniserregend an. &#8222;Murcia hat noch sehr intakte Naturschutzgebiete; das nord\u00f6stliche Landesinnere mit seinen Bergen und Waldregionen ist kaum belastet&#8220;. &#8222;Ja&#8220;, gibt er zu, das Meer sei kontaminiert, &#8222;aber unsere Beh\u00f6rde ist zu einem Zeitpunkt gegr\u00fcndet worden, der uns erm\u00f6glicht, bei einigen Problemen noch einzugreifen. F\u00fcr die Situation des Hafens in Cartagena gibt es aber keine richtige L\u00f6sung mehr&#8220;. Diese Gebiete seien sehr stark kontaminiert. &#8222;aber sie haben bisher keine \u00f6kologischen Auswirkungen auf den Rest der Region gehabt&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0 Kein Grund zur Besorgnis also, folgt man der Einsch\u00e4tzung des rangh\u00f6chsten Umweltzust\u00e4ndigen der Region. Auch der Vertreter der rechten Oppositionspartei <em>Alianca Popular<\/em> erl\u00e4uterte uns wortreich die Meinung seiner Partei zu den Umweltproblemen: Das alles k\u00fcmmert uns nicht, soll die Regierung sehen, wie sie damit fertig wird, als Opposition k\u00f6nnen wir da sowieso nichts tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Noch gibt es in Murcia Optimisten. Mitglieder von ANSE betreiben in einem Vorort eine Vogelschutzstation. Zwei- bis dreimal in der Woche behandelt Ant\u00f3nio, unser Tierarzt. unentgeltlich gebrochene Fl\u00fcgel, schient Beine, operiert \u00fcberfahrene Tiere. An vielen ihrer gefl\u00fcgelten Patienten stellen die Mitarbeiter der Station Verhaltensst\u00f6rungen fest; Ursachen. soweit \u00fcberhaupt feststellbar. sind der verst\u00e4rkte Stra\u00dfenbau der letzten Jahre, Waldrodungen, Monokulturen, Ausbreitung der St\u00e4dte und der Bev\u00f6lkerungsdichte vor allem durch den Tourismus. F\u00fcr diesen Sommer plant man au\u00dferdem. ein Grundst\u00fcck zu pachten oder zu kaufen, auf dem eine Schutzstation f\u00fcr die in ihrem Bestand gef\u00e4hrdete griechische Landschildkr\u00f6te errichtet werden soll. die nur noch in Griechenland und hier an der S\u00fcdostk\u00fcste Spaniens vorkommt. ANSE gibt sich staatskonform, umg\u00e4nglich und beantragt jedes Jahr formgerecht ihre staatlichen Zusch\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 W\u00fcrden sie auch weiter gehen, wenn die ungebremste Umweltzerst\u00f6rung so fortgesetzt wird wie bisher? Auf unsere Frage, ob sie sich vorstellen k\u00f6nnten, auch an illegalen Aktionen teilzunehmen. wenn sie keinen anderen Weg mehr s\u00e4hen, eine Katastrophe zu verhindern, sagten viele der ANSE-Mitglieder zu uns: &#8222;Ja.&#8220; In unterschiedlicher Intensit\u00e4t w\u00e4ren sie bereit, dann notfalls auch gegen das Gesetz zu handeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Im ZEIT-Interview sagte Felipe Gonz\u00e1lez auch noch: &#8222;Wie Don Quijote und Sancho Pansa., die ein und diesselbe Person sind, k\u00f6nnen wir gleichzeitig pragmatisch sein und tr\u00e4umen, gleichzeitig an die Kraft der Vernunft glauben und an die Illusion&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Es ist zu hoffen, da\u00df das &#8222;tragische Lebensgef\u00fchl&#8220; der Spanier noch so lange vorh\u00e4lt, bis ein &#8222;<em>ecologista<\/em>&#8220; in Spanien nicht mehr als K\u00e4mpfer gegen Windm\u00fchlen und l\u00e4stiger Wachstumshemmer angesehen wird. Denn ein gemeinsames Europa, in dem einzelne Mitgliedsl\u00e4nder mit lascheren Umweltgesetzen und unkritischerer \u00f6ffentlichkeit um Investionen werben k\u00f6nnen, kann nach Seveso, Tschernobyl und dem Robbensterben in der Nordsee gemeinsam nur einer \u00f6kologischen Katastrophe n\u00e4herr\u00fccken. Noch baden die Menschen von Cartagena und Umgebung auf ihrem schwarzen Giftstrand und freuen sich \u00fcber ihre Arbeitspl\u00e4tze. Wenn aber eines Tages ihr Fisch, ihre Zitronen und Orangen so schwermetallhaltig<br \/>\nsind, da\u00df ihr Verzehr untersagt werden mu\u00df, werden auch sie die scheinbaren Segnungen eines Vereinten Wachstums-Europas verfluchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\" data-services=\"facebook\" data-url=\"https:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/?page_id=202\" data-timestamp=\"1435645668\" data-hidezero=\"1\" data-backendurl=\"?rest_route=\/shariff\/v1\/share_counts&\"><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Sonne%2C%20Orangen%2C%20Cadmium https%3A%2F%2Fblog.christoph-kaeppeler.de%2F%3Fpage_id%3D202 via @CKaeppeler@social.cologne\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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auf der iberischen Halbinsel ein exotisches Fremdwort? Im Januar dieses Jahres \u00fcbernahm Spanien die Ratspr\u00e4sidentschaft der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft. Als Ministerpr\u00e4sident Gonz\u00e1lez am 2. Januar feierlich die Au\u00dfenminister in Madrid empfing. betonte er in einer Rede, auf welche Bereiche er besonderes Augenmerk legen werde. Er sprach&hellip;<a href=\"https:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/?page_id=202\">Weiterlesen <span class=\"screen-reader-text\">Sonne, Orangen, Cadmium<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":1,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"class_list":["post-202","page","type-page","status-publish","hentry"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/PaPoVr-3g","jetpack-related-posts":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/202","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=202"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/202\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":649,"href":"https:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/202\/revisions\/649"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}