{"id":540,"date":"2015-01-25T00:40:40","date_gmt":"2015-01-24T22:40:40","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/?page_id=540"},"modified":"2020-04-04T21:31:05","modified_gmt":"2020-04-04T19:31:05","slug":"bei-uns-hat-sich-keiner-entschuldigt-zwei-schwestern-aus-fulda-die-auschwitz-ueberlebten","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/?page_id=540","title":{"rendered":"&#8222;Bei uns hat sich keiner entschuldigt&#8220; &#8211; Amalie Gutermuth aus Fulda \u00fcberlebte Auschwitz"},"content":{"rendered":"<p align=\"LEFT\"><strong>Amalie Guthermuth habe ich 1994 in ihrem kleinen H\u00e4uschen in Fulda interviewt. Sie hatte das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau \u00fcberlebt. Sie war, mit mehreren Familienmitgliedern, als &#8222;Zigeunerin&#8220; dorthin verschleppt worden. Die meisten ihrer Angeh\u00f6rigen wurden dort ermordet. Der Anlass war damals, dass man am 5. November 1994\u00a0 erstmals \u00fcberhaupt eine Gedenkfeier f\u00fcr die durch die Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma aus Fulda veranstaltete. Ich hatte sie als eine der wenigen damals noch lebenden Fuldaer Sinti, die das Lager Birkenau \u00fcberlebt hatten, f\u00fcr einen H\u00f6rfunk-Beitrag interviewt, der nat\u00fcrlich nur die \u00fcbliche L\u00e4nge von etwa drei Minuten haben konnte.\u00a0 Acht Jahre sp\u00e4ter starb Amalie Guthermuth. Jetzt, Jahrzehnte sp\u00e4ter, habe ich mir die Gesamtaufnahme des Gespr\u00e4ches noch einmal angeh\u00f6rt, und dachte mir: Ich m\u00f6chte eigentlich all das, was sie mir damals erz\u00e4hlt hat, erhalten, und habe deshalb hier jetzt weitere Teile hineingestellt. Dadurch ist diese Seite jetzt viel l\u00e4nger und ausf\u00fchrlicher geworden.<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"color: #000000;\">Amalie Gutermuth ist Sintezza &#8211; das ist die weibliche Einzahlform der Bezeichnung Sinti. Sie wurde 1919 in Fulda geboren, besuchte dort die Schule und begann dann zu arbeiten. <\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"color: #000000;\">Seit Hitlers Machtantritt, also seit 1933, durften Sinti und Roma nicht mehr reisen &#8211; sie mu\u00dften an einem Platz bleiben. Amalie Gutermuth war mit ihrer Familie aber auch vorher schon weitgehend se\u00dfhaft geworden. <\/span><span style=\"color: #000000;\">Wie die Juden waren sie rechtlos geworden in Hitlers Reich:<\/span><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-1.wav?_=1\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-1.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-1.wav<\/a><\/audio>\n<table style=\"height: 35px;\" border=\"0\" width=\"338\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" align=\"LEFT\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span style=\"color: #000000;\">&#8222;Wir brauchten keinen Stern zu tragen oder so was. Aber: Wir durften kein Kino besuchen, keine \u00f6ffentliche Gastst\u00e4tte. Naja, nun damals &#8211; was gab&#8217;s denn schon? Tanzboden oder so gab es doch sowieso nicht. Wir haben das ja auch nicht vermi\u00dft. Wir sind ja nicht in der \u00d6ffentlichkeit oder bei Veranstaltungen oder sonst so irgendetwas. Und Kino hat mich schon gar nicht interessiert. &#8222;<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"color: #000000;\">Sie geh\u00f6rte zu den 137 Sinti und Roma, die 1939 noch in Stadt Fulda und damaligem Kreis Fulda registriert waren. Einzelne damals so genannte &#8222;Zigeuner&#8220; waren schon in den Jahren davor in KZ&#8217;s deportiert worden &#8211; als sogenannte &#8222;Asoziale&#8220;, erz\u00e4hlte Amalie Guthermuth 1994: <\/span><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-2\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-1b.wav?_=2\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-1b.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-1b.wav<\/a><\/audio>\n<p>&#8222;(Die sind) geholt worden. Die nannte man dann so: &#8218;asozial&#8216;. Das Kind brauchte ja einen Namen, ganz klarer Fall. Die haben uns ja auch als asozial hingestellt, obwohl sie uns praktisch von der Arbeitsstelle geholt haben! Denn wir wollten ja morgens zu Arbeit gehen: Um sechs Uhr fing die Schicht an! Und es war f\u00fcnf Uhr morgens, als das passierte, wo sie uns geholt haben!&#8220;.<\/p>\n<p>Ihr Arbeitsplatz war bei der metallverarbeitenden Firma Wei\u00dfensee in Fulda:<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-3\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-1c.wav?_=3\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-1c.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-1c.wav<\/a><\/audio>\n<p align=\"LEFT\">&#8222;Eisen, Metall, die haben Ringe f\u00fcr Gasmasken (hergestellt), auch f\u00fcr andere Teile, Schrauben&#8230; Ich stand dort an der Drehbank, ich habe an der Presse gestanden, ich habe an der Bohrmaschine gestanden. Ich habe n\u00e4mlich sehr schnell begriffen, und immer da, wo es notwendig war, haben sie mich da eingesetzt&#8220;<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"color: #000000;\">Im M\u00e4rz 1943 begannen die planm\u00e4\u00dfigen Deportationen von Sinti und Roma &#8211; SS-Reichsf\u00fchrer Heinrich Himmler hatte am 16.12.1942 den Befehl dazu gegeben. Am 15. M\u00e4rz 1943 wurden Sinti und Roma aus Fulda mit einem Sonderzug nach Auschwitz deportiert.<\/span><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-4\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-2.wav?_=4\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-2.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-2.wav<\/a><\/audio>\n<table style=\"height: 17px;\" border=\"0\" width=\"473\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" align=\"LEFT\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&#8222;Wir sind morgens aufgestanden, zur Arbeit. Wir waren schon alle auf. Denn wir drei Schwestern, wir haben in Wei\u00dfensee in Fulda gearbeitet, und wir mu\u00dften zur Schicht, zur Fr\u00fchschicht. Morgens um sechs Uhr anfangen bis mittags zwei. Naja, und da h\u00f6rten wir drau\u00dfen ungewohnte Ger\u00e4usche, Getrappel, Gelauf. Wir haben geguckt, was da so sein kann. Da war die Kripo, die Polizei und alles, da haben sie uns geholt. Anstatt zur Arbeit sind wir ins KZ gekommen&#8220;<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"color: #000000;\">Die Sinti und Roma aus Hessen wurde in einen Sonderzug gepfercht, der in Darmstadt begann und auch \u00fcber Fulda ging &#8211; so erlebte Amalie Gutermuth diesen Tag:<\/span><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-5\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-3.wav?_=5\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-3.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-3.wav<\/a><\/audio>\n<table border=\"0\" width=\"23\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" align=\"LEFT\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&#8222;Erst im Holzgarten hier, bis alle zusammenwaren, bis sie alles zusammenhatten. Und dann abends, dann ging es zum Bahnhof, zum Zug. Und da wurden dann die Hersfelder mit angeh\u00e4ngt. Die waren schon mit dem Zug gekommen und wurden angeh\u00e4ngt. Und dann ging es weiter nach Auschwitz&#8220;.<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-6\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-3b.wav?_=6\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-3b.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-3b.wav<\/a><\/audio>\n<p>&#8222;Dann wurden wir ins Familienlager gebracht und dann auf die einzelnen Bl\u00f6cke verteilt. Naja, das wars dann: dann waren wir da. Da gab es ja kein Wasser, keine Toilette so in dem Sinne, nichts. Da waren wir dann bis April 1944&#8220;.<\/p>\n<p>Ausf\u00fchrlicher<a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/?page_id=550\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> schilderte mir Amalie Guthermuths Schwester, Dorothea Heinle,<\/a> zehn Jahre sp\u00e4ter, Anfang 2005, die Situation im Lager:<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Allen wurde die KZ-Nummer eint\u00e4towiert \u2013 sie war auch \u00fcber 50 Jahre sp\u00e4ter deutlich am Arm von Dorothea Heinle zu sehen. Sie kamen in Baracken \u2013 ehemalige Pferdest\u00e4lle, dreist\u00f6ckige Holzbetten, ohne Wasser, ohne Toiletten.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Die Gefangenen mu\u00dften das Lager erst einmal aufbauen.<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-7\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle1.wav?_=7\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle1.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle1.wav<\/a><\/audio>\n<p align=\"LEFT\">\u201eUnd dann fing das an&#8220;, erz\u00e4hlte Amalie Guthermuths j\u00fcngere Schwester, &#8222;dass die Kinder erstmal starben. Hunger. Verhungert. Die waren blo\u00df noch Skelette. Die wurden dann einfach rausgeholt und vor die Baracke hingeschmissen, und da blieben sie erstmal liegen, bis da so ein Berg erstmal zusammen war\u201c.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Zu essen gab es im KZ Auschwitz-Birkenau fast nichts:<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-8\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle2.wav?_=8\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle2.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle2.wav<\/a><\/audio>\n<p align=\"LEFT\">\u201eUnd was in dem Fra\u00df da drinne rumschwamm&#8220;, erz\u00e4hlte Dorothea Heinle: &#8222;Da haben wir sogar Menschenaugen drin gefunden, und all der Dreck, was da \u2026 ja\u2026. wir haben es gegessen\u201c.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Ihrer \u00e4lteren schwangeren Schwester schnitten sie bei vollem Bewu\u00dftsein den Bauch auf, holten ihr Baby aus dem K\u00f6rper und machten damit Experimente. Das war der Grund, warum Amalie Guthermuth nie mehr Kinder kriegen konnte. Sie selbst hatte mir davon nichts erz\u00e4hlt, au\u00dfer, dass sie im KZ sterilisiert worden war.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"color: #000000;\">Auschwitz-Birkenau: Dort hatte die SS das sogenannte &#8222;Zigeunerlager&#8220; eingerichtet &#8211; eine halbe Million Sinti und Roma aus allen von Deutschland besetzten Gebieten wurden hier ermordet &#8211; nur einige Tausend \u00fcberlebten. Zu ihnen geh\u00f6rte Amalie Gutermuth:<\/span><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-9\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-4.wav?_=9\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-4.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-4.wav<\/a><\/audio>\n<table border=\"0\" width=\"23\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" align=\"LEFT\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&#8222;Ja sicher: Wir standen ja selber schon zweimal vorm Gasofen und da hie\u00df es: Die Lagerstra\u00dfen, alles in die Bl\u00f6cke. Dann kamen die Lastautos an. Den Krankenbau hatten sie schon ger\u00e4umt. Und warum es dann aber abgeblasen wurde &#8211; wei\u00df der liebe Gott, ich wei\u00df es nicht! Es wurde dann im letzten Moment abgeblasen und wir kamen nochmal davon. Sonst w\u00e4ren wir auch durch den Schornstein gegangen. Und was da im Lager passierte, wenn der Schornstein rauchte: das wu\u00dfte jedes kleine Kind. Wir haben unserer Kleinen beigebracht: Es ist die B\u00e4ckerei, es wird Brot gebacken. Und wenn sie dann den Schornstein rauchen sah, dann hat sie immer gesagt: &#8218;Mama, die backen wieder Brot!'&#8220;<\/p>\n<p>Zweimal waren sie aus dem Lager rausgeholt worden und standen kurz vor der Ermordung.<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-10\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle3.wav?_=10\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle3.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle3.wav<\/a><\/audio>\n<p>&#8222;Da mussten wir unsere Toten und alle mitnehmen&#8220;, erz\u00e4hlte Dorothea Heinle, &#8222;und da kamen wir\u00a0 vors Krematorium, und da haben wir vorm Krematorium gestanden, dass wir auch da reinsollten.\u00a0 Da kam aber der Befehl von Berlin, die sollen uns wieder zur\u00fcck\u2026. also: wir kommen nicht\u00a0 darein. Also zweimal haben wir kurz darvor gestanden. Und da war ich 21 Jahre alt\u201d.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"color: #000000;\">Die meisten Familienmitglieder aber wurden in Auschwitz ermordet, sagte Amalie Guthermuth:<br \/>\n<\/span><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-11\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-5.wav?_=11\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-5.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-5.wav<\/a><\/audio>\n<table border=\"0\" width=\"23\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" align=\"LEFT\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&#8222;Oh Gott, von unserer Familie&#8230;Wir waren sechs Geschwister. Die \u00e4lteste Schwester, die hatte sechs Kinder. Die andere Schwester hatte zwei, und die eine hatte eins. Und von uns, von unserer Familie direkt, sind wir noch mit vier St\u00fcck davongekommen&#8230;.&#8220;<\/p>\n<p>Die anderen, sagte Amalie Gutermuth, sind alle in Auschwitz geblieben.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Nach etwa einem Jahr wurden die Schwestern in andere Lager gebracht, um dort Panzerf\u00e4uste und Eisenbahnflakgesch\u00fctze zu bauen.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"color: #000000;\">Amalie Guthermuth kam im April 1944 ins KZ nach Ravensbr\u00fcck, schlie\u00dflich konnte sie kurz vor Kriegsende bei einem Marsch fliehen.<\/span><span style=\"color: #000000;\"> (Das Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau wurde vom 2. auf den 3. August 1944 liquidiert &#8211; von den 6000 noch lebenden Menschen wurden 3000 f\u00fcr Arbeitszwecke ben\u00f6tigt; die restlichen wurden in dieser Nacht ermordet. )<\/span><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-12\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-5b.wav?_=12\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-5b.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-5b.wav<\/a><\/audio>\n<p align=\"LEFT\">&#8222;Dort wurden dann die ges\u00fcndesten herausgesucht, Juden vor allen Dingen, und nun aufgeteilt in kleinere Lager. Wir kamen erst nach Ravensbr\u00fcck, dort war sechs Wochen Quarant\u00e4ne, und von da wurden wir weitergeschickt. Meine zwei Schwestern, die kamen nach Altenburg, ins Munitionslager, und ich nach Graslitz. Das war eine Fabrik, die machte Ersatzteile f\u00fcr Flugzeuge. Da waren wir dann bis 1945, auch noch an Adolf Hitlers Geburtstag am 20. April. Und wurden dort auf Marsch gesetzt. Was mit uns geschehen sollte, weiss kein Mensch. So waren wir drei Tage unterwegs, ohne Essen, ohne Trinken &#8211; au\u00dfer, wenn wir ein Kartoffelfeld gesehen haben vor einem Bauernhaus, da haben wir uns ein paar Kartoffeln geklaut.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Und dann haben wir mal \u00fcbernachtet in &#8211; jetzt darf ich das nicht verwechseln, entweder Marienbad oder Karlsbad &#8211; Karlsbad, glaube ich, war es. Da haben wir \u00fcbernachtet in einem Waldst\u00fcck, direkt an der Stra\u00dfe, und am n\u00e4chsten Morgen sind wir get\u00fcrmt, meine Schwester mit ihrer Tochter und zwei Schwestern vom Biedenkopf (Biedekopp). Das war das jetzt im Groben.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Danach waren wir drei Wochen unterwegs, 14 Tage, drei Wochen ungef\u00e4hr. Das ist passiert, Katzenellenbogen nannte sich das, das ist noch Sudetenland, wo wir &#8211; in Karlsbad sind wir abgehauen, dann waren wir den ganzen Tag unterwegs, und kamen in einem Nest raus, Katzenellenbogen, glaube ich, hie\u00df es. Und von dort aus haben wir uns dann ausgegeben als Fl\u00fcchtlinge von (aus) Asch &#8211; denn der Krieg hatte dort zum Schluss noch stattgefunden, im Kessel da. Wir haben unsere Kleider umgedreht, wir hatten ja zivile Kleider, aber mit Farbe beschmiert. Nadel, Faden, Schere habe ich mir besorgt, und dann haben wir das umgen\u00e4ht, eben, dass wir wie Zivilisten aussahen. Wir durften ja noch nicht sagen, wo wir herkamen! Da haben wir dann noch acht Tage in einem Dorf festgelegen, bis dann die ersten Panzerspitzen durchkamen, und da sind wir dann losmarschiert, in Richtung Heimat! Und waren 14 Tage oder drei Wochen unterwegs, bis wir hier ankamen, in Fulda&#8220;.<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-13\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle4.wav?_=13\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle4.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle4.wav<\/a><\/audio>\n<p align=\"LEFT\">Als sie auf die vorr\u00fcckende US-Armee gesto\u00dfen waren, erz\u00e4hlte Dorothea Heinle, \u201eda haben wir welche getroffen von Auschwitz, wie wir dann endlich raus sind, und da hat\u2019s geheissen: Den Rest, wo sie in Auschwitz drinnehatten, da ist die SS hingegangen und hat sie alle totgeschlagen. Totgeschlagen! Und da war meine Mutter dabei, meine kleine Nichte\u201c.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"color: #000000;\">Hat sich bei Amalie Guthermuth nach dem Krieg jemals jemand bei ihr entschuldigt?<\/span><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-14\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-6.wav?_=14\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-6.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-6.wav<\/a><\/audio>\n<table border=\"0\" width=\"23\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" align=\"LEFT\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&#8222;Entschuldigt und anerkannt praktisch in dem Sinne hat sich hier keiner bei uns. Und Entsch\u00e4digung: Wir haben f\u00fcr 25 Monate Haft&#8230;habe ich 3000 Mark gekriegt. Zur damaligen Zeit. Und das war es dann auch. Die haben ja unseren ganzen Haushalt, alles, beschlagnahmt. Das war ja alles weg, wir hatten ja nichts mehr, mu\u00dften den Haushalt verlassen, so wie er stand. Au\u00dfer ein paar Kleidungsst\u00fccken, das, was wir \u00fcbereinander gezogen hatten; und die Lebensmittel, die durfte man mitnehmen, und alles andere mu\u00dfte dableiben. Und fertig, aus! Und gekriegt&#8230;Doch, da f\u00e4llt mir grad was ein: 1500 Mark, glaube ich, haben sie uns gegeben. F\u00fcr die Wohnungsentsch\u00e4digung. Aber was sind denn 1500 Mark f\u00fcr einen ganzen Haushalt?&#8220;<\/p>\n<p>Das mit der Haushaltsentsch\u00e4digung, das war aber erst Jahre danach, zwischen den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"color: #000000;\">Um ihre kleine Rente von nicht einmal 1000 Mark mu\u00dfte sie noch k\u00e4mpfen. Die bekam sie daf\u00fcr, da\u00df sie &#8222;Schaden an Leben und Gesundheit&#8220; genommen hatte. Nach 49 Jahren, am 5. November 1994, wurde in Fulda erstmals bei einer Gedenkfeier im Stadtschlo\u00df an Amalie Gutermuths ermordete Familienangeh\u00f6rige und die \u00fcbrigen Fuldaer Sinti erinnert. Aber das gab ihr damals keine besondere Zuversicht mehr, da\u00df die Gesellschaft; da\u00df die Fuldaer sich in Zukunft mehr f\u00fcr das Schicksal der ermordeten oder knapp dem Tode entronnenen Mitb\u00fcrger interessieren w\u00fcrden; da\u00df sie vielleicht sogar ein wenig mitf\u00fchlen w\u00fcrden mit den verfolgten Sinti:<\/span><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-15\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-9.wav?_=15\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-9.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Amalie-Gutermuth-9.wav<\/a><\/audio>\n<table border=\"0\" width=\"23\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" align=\"LEFT\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&#8222;Bei uns hat sich keiner entschuldigt, und uns hat auch noch niemand eingeladen. Und das ist das schlimme, was ich an dem ganzen, in der heutigen Zeit noch, nicht verstehen kann: Da\u00df man gerade uns heute wieder ins Abseits schiebt. Es ist in der Literatur und allem drum und dran ist es wenig bekannt. Es wird auch nicht genannt. Wenn mal ein Artikel drinne ist, dann ist es vielleicht mal soviel&#8230;und alles andere interessiert nicht. Es geht aber uns nicht alleine so, es geht den politischen Verfolgten, bei denen ist genau dasselbe, das ist so, als wenn das gar nicht existiert h\u00e4tte; als wenn das nicht gewesen w\u00e4re. Und das ist das heute, was ich an unserer Regierung nicht verstehe, da\u00df wir in diesem Falle einfach \u00fcbergangen werden: Wir sind nicht da!&#8220;<\/p>\n<p>Amalie Guthermuth und ihre Schwester hatten Auschwitz \u00fcberlebt: Aber auch viele Jahrzehnte konnte die Verbrechen, die an diesen Menschen begangen worden sind, nicht wieder gutgemacht werden. Dorothea Heinle k\u00e4mpfte mit den Tr\u00e4nen und sagte:<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-540-16\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle5.wav?_=16\" \/><a href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle5.wav\">http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Dorothea-Heinle5.wav<\/a><\/audio>\n<p>\u201eAlso, ehrlich: wenn sowas nochmal vork\u00e4me: Ich w\u00fcrde mich und meine Familie vorher umbringen. Keiner\u2026. dieses Mitmachen\u2026Was man da erlebt hat: Das vergisst man nicht! Ich bin die einzige noch!\u201c<\/p>\n<p>(<a title=\"\u201cZweimal standen wir vor dem Krematorium\u201d\" href=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/?page_id=550\">Hier <\/a>k\u00f6nnen Sie meinen Beitrag \u00fcber Amalie Gutermuths Schwester Dorothea Heinle h\u00f6ren, die ebenfalls das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau \u00fcberlebte und mit der ich zehn Jahre sp\u00e4ter sprach)<\/p>\n<p>49 Jahre nach Kriegsende hatte sich die Stadt Fulda endlich der Sinti und Roma, die in Fulda lebten und von denen viele im KZ Auschwitz-Birkenau vergast wurden, erinnert.<br \/>\nZur Gedenkfeier war der F\u00fcrstensaal des Fuldaer Stadtschlosses nur etwa zu einem Drittel gef\u00fcllt &#8211; bei der feierlichen Er\u00f6ffnung der Landesgartenschau im gleichen Jahr gab es dort keine leeren Stuhlreihen; da hatte es niemand von der lokalen Prominenz vers\u00e4umt, zu kommen. Immerhin wurde\u00a0 etwas mehr als ein Jahr sp\u00e4ter, auf Dr\u00e4ngen des Landesverbandes der Sinti und Roma in Hessen dann eine Gedenktafel f\u00fcr die ermordeten Fuldaer Sinti und Roma im Fuldaer Stadtschlo\u00df angebracht. So wie es schon vorher eine Tafel f\u00fcr die ermordeten Juden aus Fulda gegeben hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\" data-services=\"facebook\" data-url=\"http:\/\/blog.christoph-kaeppeler.de\/?page_id=540\" data-timestamp=\"1586035865\" data-hidezero=\"1\" data-backendurl=\"?rest_route=\/shariff\/v1\/share_counts&\"><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=%E2%80%9EBei%20uns%20hat%20sich%20keiner%20entschuldigt%E2%80%9C%20%E2%80%93%20Amalie%20Gutermuth%20aus%20Fulda%20%C3%BCberlebte%20Auschwitz http%3A%2F%2Fblog.christoph-kaeppeler.de%2F%3Fpage_id%3D540 via @CKaeppeler@social.cologne\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#6364FF; 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